COVID-19

Offener Brief an die Medienschaffenden der Schweiz

Geschätzte Journalistinnen und Journalisten
Werte Berufskolleginnen und -kollegen

Wenn ich jetzt diesen Brief beginnen würde mit dem Satz «bisher habe ich mich im Hintergrund gehalten», wäre das nicht ganz wahr und da ich für mich in den vergangenen 11 Monaten den Hashtag #nichtallesgesagtistmanchmalebendochgelogen etabliert habe, finde ich, sollte ich auch nicht nur die halbe Wahrheit sagen. Also: Ich habe mich etwas exponiert, ich habe gebloggt, kommentiert und meine Meinung zur Corona-Krise und den Umgang mit eben dieser kundgetan. Ich habe Fragen gestellt, recherchiert und publiziert. Allerdings nur im kleinen Rahmen. Warum habe ich das getan? Weil ich den Eindruck erhalten habe, dass Sie das, liebe Berufskolleg*innen nicht getan haben. Dennoch habe ich mich betreffend die Kritik an den Medien einigermassen zurückgehalten. Doch jetzt kann ich das schlicht nicht mehr. Daher wende ich mich in diesem offenen Brief an Sie alle. Und nein, ich habe nicht die Illusion, dass sich in Ihrer Einstellung von einer Minute auf die andere etwas komplett ändert. Ich will Sie auch nicht per se von meiner Einstellung und Meinung überzeugen. Ich wünschte mir lediglich, dass Sie sich die Zeit nehmen, diese Zeilen zu lesen und sich vielleicht doch den einen oder anderen Gedanken dazu machen. 

Ich war knapp in der Primarschule, als ich eines Tages für mich beschlossen hatte, dass ich, wenn ich mal gross bin, «Zeitungen schreiben will». Zumindest habe ich das so meinen Eltern versucht glaubhaft zu machen. Ich konnte sehr früh lesen und schreiben, dafür kann ich zugegebenermassen bis heute nicht rechnen… Aber zurück zu meinem Entschluss: Ich wollte Zeitungen schreiben, also Journalistin werden. Warum hat mich dieser Beruf von Anfang an fasziniert? Abgesehen davon, dass ich schon immer unglaublich gerne gelesen und geschrieben habe, war ich von den Journalisten beeindruckt. In meiner kindlichen Naivität dachte ich nämlich, Journalisten wissen alles. Klar, sie schreiben über Themen und informieren die Leute (Leser), die von einem Thema nicht so viel Ahnung haben, sich aber dafür interessieren und mehr erfahren wollen. Journalisten waren für mich quasi allwissend. Das wollte ich auch sein.

Heute, viele Berufsjahre und ein Bachelorstudium später weiss ich: Auch die Journalisten wissen nicht alles. Hinter den Berichten in der Zeitung steht viel Arbeit. Journalisten wissen nicht alles, aber sie wissen, wo sie das Wissen herbekommen – wo sie recherchieren müssen. Recherche ist mit viel Aufwand verbunden. Je nach Thema oder Vorwissen des/der Schreibenden, braucht das viele Stunden an Fachlektüre, Internetrecherche, Interviews, etc… Ja, das ist Arbeit. Aber es ist eben auch die Chance, sich vertieft mit einem Thema auseinander zu setzen, mit welchem man sich vielleicht sonst nicht so intensiv befasst hätte. Es ist eine Horizonterweiterung. Und diese Horizonterweiterung sollten Journalisten dafür nutzen, ihre Leserschaft zu informieren. Möglichst umfassend und richtig. Dabei ist es (für mein Verständnis) nicht die Aufgabe der Medien, ihren Nutzern eine bestimmte Meinung aufzudrücken – vielmehr ist es doch ihre Aufgabe, die Nutzer dahingehend zu unterstützen, dass sie sich eine eigene, differenzierte Meinung bilden und diese auch entsprechend argumentieren können.

Die Medien tragen so zur Meinungsbildung bei. Nicht umsonst werden sie auch die vierte Gewalt genannt. Ist es nicht so, dass sie als diese auch eine Kritik- und Kontrollfunktion in der Gesellschaft wahrnehmen? Müssten sie hierfür nicht Missstände aufdecken, Gegebenheiten hinterfragen und Kritik üben? So wie es Anfang der 1970er Jahre auch die Washington-Post getan hat, als sie die sogenannten Pentagon-Papiere veröffentlicht hat. Obwohl die Papiere als Geheim klassifiziert waren, entschied der Oberste Gerichtshof mit 6:3 Stimmen für die Washington-Post und hob das ursprünglich ausgesprochene Veröffentlichungsverbot als «nicht verfassungsgemäss» auf. Das Geheimhaltungsinteresse des Staates müsse hinter dem Interesse der Öffentlichkeit und der Pressefreiheit zurückstehen. Ein Richter schrieb dazu:

«Nur eine freie, unbehindert agierende Presse kann wirksam Täuschungen durch die Regierung aufdecken. Und über allen Verantwortlichkeiten einer freien Presse steht die Pflicht, jeglichen Teil der Regierung daran zu hindern, die Menschen zu betrügen […].» 

In der Verfilmung dieser Geschehnisse («Die Verlegerin»), wird gegen Ende des Films, in der Urteilsbegründung ein Richter wie folgt zitiert: «Die Medien sind für die Regierten da, nicht für die Regierenden».

Mich hat nicht nur der Film, sondern vor allem dieser Satz beeindruckt. So sollte es sein. Die Medien sollten für das Volk da sein. Das Volk informieren. Ich spreche hier nicht einmal davon, aktiv die Regierung zu denunzieren, sondern lediglich davon, vollumfänglich zu informieren, mit allen den Medien zur Verfügung stehenden Mitteln. Dabei sollten die Medienschaffenden immer dem Leitsatz des englischen Schauspielers Sir Laurence Olivier folgen: «Gib immer dein Bestes. Mehr kannst du nicht, weniger darfst du nicht». 

Beobachte ich aber die Medien in der aktuellen Corona-Krise, dann habe ich ernsthaft das Gefühl, dass dieser Grundsatz mehr denn je verloren gegangen ist. Die Entwicklung der Medien ging schon vor Corona in die Richtung, dass man vor allem Stories und damit die Zeitung / den Sender / die Webseite verkaufen möchte. Reisserische Titel und Fotos sind heute mehr wert als Inhalt. Eine Entwicklung, die gerade mit der Digitalisierung der Medien wohl kaum aufzuhalten ist. Doch irgendwo steckt doch noch immer in jedem Journalisten der gewisse Berufsstolz, der ihn dazu treibt, die Welt zu verändern, etwas zu bewegen, Geschichten aufzudecken…. Oder etwa nicht?

Ich habe nicht das Gefühl. Um es vorneweg zu nehmen: Ich bin weder ein Verschwörungstheoretiker noch ein Coronaleugner. Ich bin lediglich eine kritische Bürgerin, die Sachen hinterfragt. Etwa wie der Staat mit dieser Krise umgeht. Ich stelle Fragen, die ich eigentlich erwarten würde, dass sie die Medien stellen:

  • «Ab dem 8. Februar gilt zudem für alle Einreisenden in die Schweiz, dass sie einen negativen Test vorweisen müssen, der nicht älter als 72 Stunden ist.»
    • Gilt das auch für Schweizer Bürger? Kann man einem Schweizer Bürger die Einreise in seine Heimat wirklich verweigern?
  • «3,6 Prozent der Bevölkerung sind geimpft.»
    • Ist es nicht vielmehr so, dass 3,6 Prozent der Bevölkerung bereits die erste Spritze erhalten haben? Oder gilt man auch schon mit der ersten Dosis als «geimpft» obwohl man gemäss Wissenschaft noch keine 50% Schutz gegen Corona erreicht hat? Und inwiefern ist diese Zahl, wenn sie nur diejenigen Betrifft, welche die 1. Spritze erhalten haben, aussagekräftig?
  • Frage: Müssen Autofahrer, die in die Schweiz einreisen, ebenfalls einen negativen Test vorweisen?
    «Wenn sie aus einem Risikogebiet kommen, ja», sagt Berset.
    • Wie genau gedenkt der Bund das zu kontrollieren? Werden die Kontrollen an den Grenzen verschärft? Hat die EZV diese Kapazitäten überhaupt? Muss die Armee wieder zur Unterstützung beigezogen werden?
  • «Die Fallzahlen sinken zu langsam.»
    • Ist es nicht möglich, dass die Fallzahlen zwar langsamer, dafür aber nachhaltiger sinken als noch im Frühjahr 2020?
  • «Eine Anordnung des Kantons ist strafbewehrt. Sprich: Es droht eine Strafe, wenn sich eine Person nicht an die Anordnung des Kantons hält», sagt Gerber. «In Einrichtungen müsste es sich um den Schutz der Arbeitnehmenden handeln, aber es kommt sehr auf die Art und das Umfeld der Aktivität an.»
    • Heisst das also, dass Menschen, die zum Beispiel einen Corona-Test im Rahmen von Massentests verweigern, dazu gezwungen werden können? Wie rechtfertigt der Bundesrat einen solchen Eingriff in die Privatsphäre insbesondere bei symptomfreien Bürgern? Gilt das nicht als Körperverletzung, wenn man gegen seinen Willen getestet oder geimpft wird?
  • Der Bundesrat klassifiziert Corona-Unterlagen seit dem Frühjahr 2021 als «Geheim»
    • Hat der Bundesrat etwas zu verbergen? Fehlen dem Bundesrat die Argumente für den Fall, dass Fragen kommen würden?
  • Wenn BR Berset an der Medienkonferenz vom 27.01.2021 offensichtlich nicht weiss, was er in seiner Verordnung unterschrieben hat und seinen Berater zu Hilfe ziehen muss:
    • Herr Bundesrat, kennen Sie den Inhalt der von Ihnen unterschriebenen Verordnungen?
      • In einer normalen Lage hätte man einen Bundesrat, der vor versammelter Pressekonferenz so agiert, in der Luft zerrissen, warum jetzt nicht?
  • Die Fallzahlen sind immer noch zu hoch
    • Ja klar, mit den Massentests steigen die absoluten Fallzahlen, die Positivitätsrate sinkt aber kontinuierlich, warum werten Sie das nicht als positives Zeichen?
  • Es muss mehr getestet und der Anreiz, Tests zu machen, erhöht werden
    • Versuchen Sie damit die Fallzahlen künstlich hoch zu halten?
  • Die Zahl der Virusmutationen verdoppelt sich im Moment wöchentlich
    • Dennoch sinkt die Positivtätsrate kontinuierlich, heisst das nicht auch, dass das mutierte Virus nicht ganz so ansteckend ist, wie man uns glauben machen will?
  • Der R-Wert steigt wieder über 1
    • Kann jemand detailliert erklären, wie der R-Wert zustande kommt? Denn obwohl vor 10 Tagen der R-Wert wieder über 1 gestiegen sein soll, sinkt die Positivitätsrate kontinuierlich. Wie ist das möglich?

Und für mich die wichtigste Frage von allen:

Geschätzter Bundesrat, warum knechten Sie das Volk seit bald einem Jahr nur mit negativen Aussagen, Pessimissmus und Massnahmen, statt dem Volk in dieser Situation Mut zu machen, mit dem Volk in eine bessere Zukunft zu blicken?

Doch nichts Dergleichen passiert. Woche für Woche sitzen Medienvertreter in diesen Pressekonferenzen und stellen Fragen, von denen man den Eindruck bekommt, sie seien ihnen vorgegeben worden. Es geht nur darum alles zu bestätigen was vom Bundesrat kommt und oft sogar darum, ohne zu hinterfragen die Haltung des Bundesrates nicht nur zu bestärken, sondern indirekt noch härtere Massnahmen zu fordern und dies völlig unkritisch.

Alt-Bundesrat Pascal Couchepin (FDP) hat im Buch «Starke Worte» (Barabara Lukesch und Balz Spörri) gesagt:

«Kinder haben viele Fragen. Später nehmen die Fragen ab. Man kann problemlos durchs Leben gehen, ohne Fragen zu stellen. Für viele Leute ist das bequemer. Es beruhigt sie, wenn sie immer genau wissen, was sie zu denken haben. Wenn sie nur wiederholen müssen, was andere schon gesagt haben oder was in der Zeitung steht. Doch das ist sehr schade. Menschen, die keine Fragen haben, sind sich immer absolut sicher. Doch im Grunde genommen sind sie dumm und tot.»

Alt-Bundesrat Pascal Couchepin (FDP)

Ist der Journalismus, der wahre, ehrliche Journalismus auch tot? Warum sind Sie Journalist geworden? Haben Sie sich das kürzlich mal wieder selber gefragt? Haben Sie eine Antwort darauf? Sind es die Privilegien, die man als Journalist geniesst? Ist es das Ansehen, bzw. der eigene Name, der in einer Zeitung steht? Ist es die Tatsache, dass man Prominente treffen kann? Dass man ins Ausland reisen kann? Sein Gesicht im Fernsehen präsentieren kann? Ist es der Lohn? Was ist es, was Sie damals dazu bewogen hat diesen Beruf, der vielmehr Berufung ist, zu ergreifen?

Wollten Sie nicht die Welt verändern? Haben Sie nicht davon geträumt, Missstände aufzudecken? Aufklärung zu betreiben? Haben Sie sich nicht vielleicht sogar geschworen «ich wetts denn besser mache»? Und? Machen Sie es besser? Sind Sie sicher? Und hier beginnt das Hinterfragen. Hinterfragen Sie sich, Ihre Rolle als Journalist und als Bürger in unserer Gesellschaft. Hinterfragen Sie unser System – nicht im Bösen, sondern zur Aufklärung. Zur Aufklärung der Bürger, die ein Recht darauf haben, sich ihre eigene Meinung zu bilden. Die sich auf Sie verlassen. 

Barbara Thomass schreibt in ihrem Konzept der journalistischen Ethik: 

«Journalismus produziert Darstellungen über aktuelle Themen. Dabei erwarten Rezipienten von Journalisten die Zutreffendheit der berichteten Ereignisse, wahrhaftige und umfassende Informationen, das ‘ganze’ Bild, die Richtigkeit der Fakten – dies alles unbenommen des Phänomens, dass sich Rezipienten in ihrer Meinung bestätigt sehen wollen und deshalb ums o eher Informationen aufnehmen, die in Übereinstimmung mit ihren Erwartungen sind. Auf der Erfüllung dieser Erwartungen basiert die Glaubwürdigkeit des Journalismus. Die Wahrung der Glaubwürdigkeit rechtfertigt die Privilegien in der Ausübung des Berufes und liegt der Funktionsfähigkeit des Journalismus als Beobachtungssystem der Gesellschaft zugrunde.»

Barbara Thomass

Und ich komme zu meinem kindlichen Bild des allwissenden Journalisten zurück: Sie sind die Allwissenden, diejenigen, welche die Macht haben, dem Volk die Informationen zu geben, die es braucht, um sich eine eigene Meinung bilden zu können und Sie sind es auch, die die Macht haben, eben diesem Volk die Stimme zu geben, die es braucht, um gehört zu werden.

Denken Sie stets daran: Die Medien sind für die Regierten da, nicht für die Regierenden.

Ich hoffe sehr, Sie mit meinen Zeilen zum Nachdenken angeregt zu haben und dass Sie, angespornt durch meine Worte, anfangen sich selber und Ihre Rolle in unserer Gesellschaft zu reflektieren.

Die Menschen zählen auf Sie – enttäuschen Sie sie nicht.

Freundliche Grüsse

Moni Bregy

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