COVID-19

Moral und Ethik vs. Ratio

Meine Lieben, ich habe über die Festtage eine kleine Schreibpause eingelegt – wenigstens so halbwegs, denn ich habe meine Plattform fleissig gefüttert, da ich verdankenswerter Weise einige interessante Einsendungen erhalten habe.

Ganz untätig war ich dann aber doch nicht. Ich habe mich mal mit der vielzitierten Übersterblichkeit in der Schweiz beschäftigt, die vor allem durch die zweite Welle ausgelöst worden sein soll.

Ich möchte hier vorweg nehmen, dass es mir sehr wohl bewusst ist, dass ich mich mit dieser Thematik auf eine Gratwanderung begebe. Eine Gratwanderung zwischen Moral, Ethik und Verstand. Auch wenn es ein sehr schwieriges Thema ist, bin ich der Überzeugung, dass man darüber reden muss. Denn ich bin auch überzeugt, dass sich viele Leute darüber Gedanken machen, sich aber nicht trauen es auszusprechen.

Darüber zu sprechen ist wichtig, ist gut – allerdings immer unter Wahrung des Respekts vor den Mitmenschen, den Betroffenen und den eigenen Moralvorstellungen.

Ich habe die Sterberaten (total) des Bundesamtes für Statistik (BfS) genommen. Es handelt sich hierbei um die offiziellen Zahlen, die vom Bund veröffentlicht werden und als Grundlage dienen (sollten) für alle, die darüber schreiben – denn es sind die einzigen offiziellen Zahlen, die wir haben.

Die Zahlen habe ich übrigens von hier. Die xls-Datei vom 30.12.2020 könnt ihr euch hier anschauen.

Ich habe die Jahre 2015-2020 und die Kalenderwochen (KW) 01-51 miteinander verglichen – das sind die Wochen, die am 30.12.2020 bereits publiziert waren.

Die Zahlen sind absolut und sie beinhalten alle Todesfälle, an oder mit Covid-19 aber auch alle anderen Todesfälle. Mir ist klar, dass Statistiken immer Raum für Interpretation lassen. Daher zeige ich Euch auf, woher ich die Daten habe, präsentiere Euch meine geplotteten Daten und meine persönliche Interpretation dazu.

Was ich mir wünsche ist lediglich, dass ihr es Euch anschaut, meine Interpretation dazu lest und versucht, mit eurem eigenen Verstand eure eigene Meinung dazu zu bilden. Es geht hier nicht um richtig oder falsch, schwarz oder weiss – schon gar nicht bei einem so sensiblen Thema. Es geht darum, sich Gedanken darüber und über die Konsequenzen und deren Verhältnismässigkeit zu machen. Also, legen wir los.

Totale Sterberate über alle Altersklassen

Als erstes habe ich die totale Zahl der in der Schweiz Verstorbenen angeschaut. Das ist auch jene Statistik, die in den Medien gerne gezeigt wird. Etwa auf Swissinfo, oder auf 24heures, auf SRF oder dem Tagesanzeiger um nur einige Beispiele zu nennen. Ihr werdet auch gleich sehen warum.

Zum Vergrössern klicken.

In dieser Grafik sehen wir Anfang des Jahres 2015 einen deutlichen Ausschlag. Es handelt sich dabei um eine starke Grippewelle. Diese zeigt sich auch im Sommer, wo ebenfalls ein Peak zu sehen ist. Ein ebenfalls klar erkennbarer Peak, der etwas früher seinen Höhepunkt erreichte, sehen wir 2017. Ebenfalls ein Jahr mit einer sehr starken Grippewelle.

Und dann schlagen zwei Peaks obenaus im Jahr 2020. Es handelt sich um das Pandemiejahr mit Covid-19. Während der Peak im Frühjahr nur marginal höher war als in den beiden Grippejahren, ist der Peak im Herbst/Winter deutlich erhöht. Die Untersterblichkeit während den Sommermonaten vermochte die minimale Übersterblichkeit des Frühjahrs (wir sprechen hier von +/- 20 Personen) auszugleichen. Anders sieht es mit der zweiten Welle aus. Möchte man meinen.

Das ist aber die totale Anzahl der Verstorbenen. Nicht aufgeschlüsselt nach Alter. Denn wenn wir das tun würden, sähe alles etwas anders aus.

Sterberate der Personen im Alter zwischen 0-9 Jahren

Zum Vergrössern klicken.

In dieser Grafik sehen wir – nichts. Ja sie ist eigentlich komplett unlesbar und das Pandemiejahr 2020 geht im Rauschen der anderen Jahre komplett unter. Und wenn auch in den ersten Wochen ein Peak 2020 erkennbar ist, vermag die Untersterblichket in den restlichen Monaten die Gesamtzahl wieder ausgleichen und der Peak Ende 2015 ist deutlich höher als der höchste Peak 2020.

Bisher ist von einem Kind (Säugling) bekannt, dass es im Zusammenhang mit dem Coronavirus verstorben ist – obwohl sich hier auch die Kantonsärztin nicht auf die Äste hinaus lässt, ob die Todesursache nicht doch neurologischer Art war. Sicher sei nur, dass der Säugling positiv auf das Virus getestet worden war. Lest den Bericht hier im „Bote der Urschweiz“.

Und der 29-Jährige, der über die Feiertage seiner Corona-Erkrankung erlegen ist? Entwarnung. Sogar der Kanton Zürich stellt klar: „Aufgrund des ärztlichen Befundes kann jedoch ausgeschlossen werden, dass Covid die Todesursache war.“ Und gleich einen Satz später heisst es, man könne aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes nichts weiter zur Todesursache sagen. Ich persönlich finde es ja schon interessant, wie wenig Bedeutung der Persönlichkeitsschutz im Zusammenhang mit Corona hat. Wie hemmungslos auf Intensivstationen gefilmt und fotografiert (NZZ, SRF, Blick) und zeitweise sogar Plakate (Bahnhof Lenzburg) daraus gemacht werden. Aber wenn es dann doch nicht Corona war, dann, ja dann kommt der Persönlichkeitsschutz wieder. Übrigens belässt das BAG den Verstorbenen auf seiner Liste der Corona-Toten, mit der Begründung, dass sie nicht wissen, woran er gestorben ist (Quelle). Und das, obwohl der Kanton Zürich Corona als Todesursache klar ausschliesst!

Was ich persönlich in der obigen Grafik sehe ist nichts. Nichts Besonderes und schon gar nichts Besorgniserregendes. Freuen wir uns darüber und gehen einen Schritt weiter.

Sterberate der Personen im Alter zwischen 20-39 Jahren

Zum Vergrössern klicken.

Auf den ersten Blick ersichtlich in dieser Grafik ist, dass die Kurven per se schon auf einem höheren Niveau starten. Dieses Niveau erhöht sich natürlich mit dem Alter, denn je älter die Menschen sind, desto eher sterben sie. Das ist die Natur. Aber auch hier verschwindet das Pandemiejahr 2020 total im Rauschen der vorangegangenen Jahre. Peaks die wir hier sehen sind aus den Jahren 2018 (grün), 2015 (gelb), 2019 (rot) und 2017 (lila). Auch hier befinden wir uns also absolut im Schnitt der vorangegangenen Jahre. Von einer deutlichen Übersterblichkeit sind wir meilenweit entfernt.

Ich möchte an dieser Stelle nochmals betonen, dass jeder Tote, egal welchen Alters, einer zu viel ist. Und hinter jedem gestorbenen Menschen steht eine Geschichte und eine Familie. Aber sterben ist immer tragisch, ist immer traurig – ungeachtet der Todesursache.

Gehen wir nun zur nächst höheren Altersklasse.

Sterberate der Personen im Alter zwischen 40-64 Jahren

Zum Vergrössern klicken.

So, was hier sehr deutlich wird, ist die Grundzahl der verstorbenen Personen. Das Gesamtniveau ist deutlich höher. Doch wir suchen vergebens nach dem Pandemiejahr 2020. Die Peaks, die als erstes ins Auge stechen haben die Farben gelb (2015), grün (2018), lila (2017) und an einer Stelle eventuell noch rot (2019). Die beiden 2020-Peaks die wir sofort sehen, schlagen nach unten aus. Nämlich zwischen den KW 18 und 19 sowie um die KW 38.

Nach der massiven Übersterblichkeit 2020 suchen wir also auch hier vergebens.

Probieren wir es mit der nächst höheren Altersklasse.

Sterberate der Personen im Alter zwischen 65 und 79 Jahren

Zum Vergrössern klicken.

So, und jetzt sehen wir zum allerersten Mal den deutlichen Ausschlag. Sowohl im Frühjahr als auch im Herbst. Hier sind tatsächlich deutlich mehr Menschen verstorben als in den Vorjahren. Ob nun wirklich immer
Covid-19 die abschliessende Todesursache war, wissen wahrscheinlich nicht einmal die Ärzte zu 100%. Aber hier sind Personen wohl an oder mit Covid-19 verstorben und das in deutlich höherer Zahl als sonst – und das vermag auch die Untersterblichkeit der Sommermonate nicht mehr ganz auszugleichen.

Wir können es nicht leugnen. Hier sind mehr Menschen gestorben. Für mich ist das ein Zeichen dafür, dass die Risikogruppe (ohne Vorerkrankungen) im Alter von 65 Jahren beginnt. Wenn man bedenkt, dass knapp 80% der Todesfälle der Altersgruppe 80+ zugeordnet werden können (Quelle), kann man sich auch ausrechnen in welchem Altersbereich sich die Opfer der Altersklasse 65-79 befinden. Aber ja, hier scheint Handlungsbedarf zu sein.

Schauen wir auf die letze Alterskategorie:

Sterberate der Personen im Alter 80+

Zum Vergrössern klicken.

Diese Statistik sieht nochmals ganz anders aus. Das Rauschen wird deutlich kleiner, wir sehen klar die Grippebedingten Peaks im Frühjahr und den riesigen Peak im Herbst. Und ja, das ist coronabedingt. Auch hier ist nicht ganz klar ob an oder mit Corona gestorben wurde. Klar ist: es sind deutlich mehr Menschen gestorben als in anderen Jahren. Corona scheint besonders in dieser Altersklasse problematisch zu sein.

Diese Erkenntnis deckt sich übrigens auch mit der Wochenübersicht des BAG. Diese besagt nämlich, dass das Medianalter der insgesamt seit KW 24 verstorbenen Personen bei 86 Jahren liegt.

Hier geht es zum entsprechenden Wochenbericht.

Was heisst Medianalter? Wenn man vom Medianalter spricht, meint man das Alter einer Gruppe, welches von maximal 50% der Gruppenmitglieder unter- oder überschritten wird. Also eigentlich das Durchschnittsalter. Hier geht es zur detaillierten Erklärung.

Also, ich gehe davon aus, dass wir uns bis hier einigermassen einig sind, was die Faktenlage anbelangt. Erst ab Alter 65+ ist eine Übersterblichkeit erkennbar und diese betrifft insbesondere Personen im Alter 80+, nämlich fast 80% der totalen Verstorbenen.

Angesichts dessen, dass die durchschnittliche Lebenserwartung bei der Geburt für Männer bei etwa 81 und bei Frauen bei etwa 86 Jahren (2019) liegt, haben also die meisten der Verstorbenen ihre Lebenserwartung erreicht.

Und jetzt höre ich die Aufschreie schon….. Ich habe einleitend gesagt, dass diese Thematik eine Gratwanderung wird. Und jetzt kommen wir genau an den Punkt, wo sich unsere Ratio von unserer Moralvorstellung trennt:

Unser Verstand sieht und sagt: „Rund 80% der Menschen in der Schweiz, die an oder mit Corona verstorben sind, haben ein langes, erfülltes Leben gehabt. Sie hatten die Chance zu leben. Sie sind in einem Alter gestorben, in welchem man sowieso jeden Tag damit rechnen muss, dass die Menschen von uns gehen.“

Unsere Moralvorstellung wiederum lässt es nicht zu, dass Menschen sterben. Wir wollen diese Menschen schützen, sie möglichst lange am Leben erhalten, sie nicht von uns gehen lassen – weil es weh tut. Weil wir sie vermissen werden.

Aber ganz ehrlich, und das sage ich als Tochter eines Vaters mit Jahrgang 1937, wenn der betroffene Mensch von uns geht, ist es dann nicht völlig egal warum? Ob ihm eine Kokosnuss auf den Kopf fällt, er dem Krebs erliegt, ein Herzversagen erleidet oder Corona hat…. es ist der Mensch der weg ist. Warum auch immer. Das spielt mir persönlich überhaupt keine Rolle. Ich weiss, dass ich in diesem Alter damit rechnen muss, dass der Mensch geht – daher spielt der Grund aus meiner Sicht eine untergeordnete Rolle.

Anders natürlich bei der jüngeren Generation. Es ist nicht natürlich, jung zu sterben, damit rechnen wir nicht. Daher ist der Grund viel bedeutungsvoller. Hat der Mensch suizid begangen, war er krank, was für eine Krankheit hatte er, war es ein Unfall, etc….?

Besonders fällt einem das dann auf, wenn man sich mal mit den Todesanzeigen in den Zeitungen beschäftigt. Sehen wir ältere Menschen, überlesen wir die Todesursache meistens. In der Regel steht dort sowieso „ist nach einem erfüllten Leben friedlich eingeschlafen“. Es interessiert uns einfach nicht. „Alter Mensch, stirbt. Ist normal.“

Sehen wir aber Todesanzeigen von jüngeren Menschen, lesen wir sie, wollen wissen, was passiert ist. Wenn kein Grund steht, fangen wir an zu spekulieren, was könnte der Grund gewesen sein? War er/sie krank? Hatte er/sie einen Unfall? Meist lassen wir uns noch zu einem „Er/sie hatte noch sein/ihr ganzes Leben vor sich“ hinreissen.

Konsequenzen

Kommen wir nun zu den Konsequenzen. Da ich der dezidierten Meinung bin, dass ältere Personen, die kurz davor sind, ihre Lebenserwartung zu erreichen oder sie schon überschritten haben, nicht weniger Recht auf Schutz vor einer solchen Pandemie haben, nur weil sie schon alt sind, finde ich, braucht es einen Mittelweg.

Ich finde es richtig, dass bei der Impfstrategie zuerst die Risikogruppen (ältere Menschen und Menschen mit Vorerkrankungen) geimpft werden sollen (wenn sie es wollen). Ich finde es richtig, dass man ältere Menschen darauf hinweist, welche Gefahren der Virus für sie birgt und ihnen die Möglichkeit gibt, sich zu schützen (Schutz- und Hygienemassnahmen).

Ich finde es aber höchst verwerflich, aufgrund einer so eng gefassten Hochrisikogruppe die ganze Schweizer Bevölkerung zu bestrafen. Man nimmt den Menschen zwischen 0 und 79 (bzw 65) Jahren sämtliche Freiheiten. Man sperrt sie ein, zwingt ihnen Gesichtsverhüllung auf, lässt sie nicht mehr zu Freizeitaktivitäten zu (Kino, Disco, Sport, Konzerte), Traditionen werden mit den Füssen getreten (Fasnacht, Tschäggättä, etc…). Familien und Freunden werden Treffen verboten oder nur eingeschränkt erlaubt. Restaurants werden geschlossen, völlig ungeachtet dessen, wie viele Existenzen dabei draufgehen.

Zwischenmenschliche Kontakte werden minimiert, jeder Mensch als potenzieller Todesbringer vorverurteilt. Dabei ist die Mehrheit der Schweizer Bevölkerung gar nicht so gefährdet. Stirbt nicht. Nicht an Corona. Für mich ist das total unverhältnismässig.

Ich bin der Überzeugung, dass jeder selber entscheiden soll ob und wie er sich schützen möchte. Über alle Altersklassen hinweg. Auch die Risikogruppe 80+ (bzw. 65+). Man soll diese Menschen aber vermehrt auf die Gefahren aufmerksam machen. Wenn sie jedoch ihre Familien und Freunde treffen wollen, sollen sie das tun dürfen, ohne Einschränkungen, ohne Abstand, ohne Plexiglasscheibe dazwischen. Ich möchte nicht wissen, in wie vielen Alters- und Pflegeheimen die älteren Menschen an Vereinsamung gestorben sind – einfach, weil sie nicht mehr leben wollten. Nicht unter diesen Bedingungen. Getrennt von ihren Liebsten.

Die Universallösung habe ich auch nicht parat. Das braucht viel Arbeit und verlangt ein Maximum an Kreativität. Aber ich bin sicher, dass das was wir jetzt haben, keine Lösung ist. Insbesondere nicht, nachdem wir die Impfung haben.

Liebe Regierung, lasst uns unser Leben leben – es ist kurz genug. Macht es bitte wieder lebenswert.

You Might Also Like

1 Comment

Comments are closed.