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Wo bleiben Verhältnismässigkeit, Wissenschaftsdiskurs und gesunder Menschenverstand?

Ein Text von Dr. med. Kathrin Meffert-Ruf, Kinderärztin.

Als «brave Bürgerin» und praktizierende Kinderärztin halte ich mich an die Vorgaben von Bund und Kanton. Ich verfolge aufmerksam die Entwicklung im Zusammenhang mit Corona in der Realität (Praxis, Alltag), im Gespräch mit betroffenen Menschen und in den Medien.  Meine Strategie ist, möglichst viel über SARS-CoV-2 in Erfahrung zu bringen, um mir ein eigenes Bild machen zu können.

Die Pandemie stellt die verantwortlichen Politiker vor ein ethisches Dilemma.  Denn sowohl das Virus als auch die Massnahmen, die die Bevölkerung vor einer Infektion schützen sollen, fordern Opfer.  Haben die Medien anfangs Jahr nur über die eine Seite berichtet, sind nun auch zunehmend Stimmen zu hören, welche die Opfer der Massnahmen zum Thema haben.  In der Politik – zumindest in der öffentlich wahrnehmbaren – ist diese Diskussion aber noch nicht angekommen.

Das Virus spaltet, auch die Wissenschaft.  Es irritiert ungemein, wenn hochintelligente Experten sich teilweise diametral widersprechen.  

Dr. med. kathrin meffert-ruf

Geht es nach den Initiatoren der «Great Barrington Declaration», welche am 4. Oktober von Professoren aus Harvard, Oxford und Standford formuliert und mittlerweile von über 51’000 Ärzten und Wissenschafter weltweit unterschrieben worden ist, überwiegt bislang der Schaden, der durch die Schutzmassnahmen verursacht wird. https://gbdeclaration.org/.  

Nach ihrer Ansicht hat die bisherige Lockdown-Politik kurz- und langfristig verheerende Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit:  niedrigere Impfraten bei Kindern, schlechtere Verläufe bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, weniger Krebsvorsorgeuntersuchungen und eine Verschlechterung der psychischen Verfassung.  Dies werde in den kommenden Jahren zu einer erhöhten Übersterblichkeit führen.  Schüler von der Schule fernzuhalten sei eine schwerwiegende Ungerechtigkeit.  Die Beibehaltung dieser Massnahmen, bis ein Impfstoff zur Verfügung steht, werde irreparablen Schaden verursachen, wobei die Unterprivilegierten unverhältnismässig stark betroffen seien. 

Lockdowns hätten in der Geschichte noch nie zu zur Ausrottung eines Virus geführt.  Im besten Fall verzögerten sie die Zunahme der Infektionen, mit hohen Kosten, für begrenzte Zeit.  Dagegen verursache die Lockdown-Politik verheerende Schäden für die geistige und körperliche Gesundheit.   

So schätze die UNO, dass infolge des Lockdowns weitere 130 Mio. arme Menschen von Hunger bedroht würden, weitere 400’000 Menschen stürben an den Folgen unzureichender Tuberkulose-Behandlungen, in vielen Ländern seien aufgrund des Lockdowns Impfkampagnen gegen Diphtherie und Polio ausgesetzt worden.  

Statt des Lockdowns schlagen die Forscher vor, der Pandemie mit einer Strategie «gezielten Schutzes» (Focused Protection) zu begegnen, bei dem besonders gefährdete Personengruppen vor Infektionen bewahrt würden.  So könnten Pflegeheime Personal mit erworbener Immunität (d.h. COVID-19 schon durchgemacht) einsetzen und häufige PCR-Tests bei anderen Mitarbeitern und allen Besuchern durchführen.  Rentner sollten sich Lebensmittel nach Hause liefern lassen und Familienmitglieder eher draussen als drinnen treffen.  

Diejenigen, die nicht schutzbedürftig sind, sollten hingegen sofort wieder ein normales Leben führen dürfen.  Einfache Hygienemassnahmen wie Händewaschen und der Aufenthalt zu Hause im Krankheitsfall sollten von allen praktiziert werden, um den Schwellenwert für die Herdenimmunität zu senken (d.h. es braucht eine geringere Anzahl an Menschen, die es schon gehabt haben, um die Vulnerablen auch schützen zu können).  

Universitäten, Sport, Kultur sollten normal stattfinden. Menschen, die stärker gefährdet sind, können teilnehmen, wenn sie dies wünschen. Durch die Herdenimmunität (d.h. der Tatsache, dass es die vielen anderen Nicht-Gefährdeten schon gehabt haben) sind auch die Vulnerablen geschützt.  

Bei anderen Wissenschaftlern stiess die «Great Barrington Declaration» dagegen auf massive Kritik.  Fast 7000 von ihnen haben inzwischen das «John Snow Memorandum» unterzeichnet, das Mitte Oktober in der medizinischen Fachzeitschrift «The Lancet» publiziert wurde.  Darin wird die Lockdown-Strategie verteidigt.

Situation in der Schweiz

Die Zahlen in der Schweiz sind – nach einem Maximum Ende Oktober – rückläufig.  In der letzten Woche sind sie wieder leicht angestiegen. Die Auslastung der IPS-Betten beträgt 80%. Gewisse sagen:  „dank den Massnahmen“.  Andere sagen:  „mit oder ohne Massnahmen sind die Zahlen rückläufig“.  Wer hat recht?

Optimisten sagen, es ist bald vorbei, das normale Leben kommt zurück.  Pessimisten sehen schon die dritte Welle im Anzug, so wie in Südkorea und Japan, und wehren sich gegen Lockerung der Massnahmen.

Der Bundesrat hat es auch nicht einfach. Glücklicherweise hört er nur teilweise auf die Ratschläge seiner Taskforce.  Politische Parteien monieren den föderalistischen Flickenteppich der Massnahmen und fordern einheitliche klare Regeln aus Bern, wünschen sich gar die Rückkehr aus der besonderen in die ausserordentlichen Lage.

Nachdem der Bundesrat gewisse Kantone mit steigenden Fallzahlen zu strengeren Massnahmen gedrängt hat, diese auch gehorchten und die neuen Massnahmen kaum kommuniziert hatten, wurden sie – wie ein ungehorsames Kind – vom Bundesrat durch landesweit geltende Massnahmen brüskiert.    

Dabei stellen sich immer wieder neue Fragen, wie etwa:

Wie gefährlich ist SARS-CoV-2 wirklich?

Sind die Massnahmen verhältnismässig?

Sollen Kinder Masken tragen?

Und: Was ist mit der Impfung?

Der Schweizer Infektiologe Prof. Dr. med. Philipp Tarr kommt in einem Übersichtsartikel über «COVID-19, Influenza und grippeähnliche Erkrankungen», publiziert im Primary and Hospital Care von dieser Woche (2020:20(12):377-382) zum Schluss, dass «COVID-19 in 10-30% ohne Symptome verlaufe, in über 95% mit einer milden Klinik (ambulante Behandlung) einhergehe, in unter 5% zu Spitaleintritten führt und selten eine Intensivbehandlung nötig mache.  Klinisch kann COVID-19 von Influenza (Grippe) und anderen respiratorischen Viren (z.Bsp. endemische Coronaviren, RSV, Rhinoviren und Metapneumoviren) häufig nicht unterschieden werden. Influenza und COVID-19 imponieren klinisch nicht selten nur als Erkältung.» 

Noch ein Wort zum PCR-Test

Ein Hauptproblem ist, dass die ganze Strategie auf einem Test beruht, der nicht für die klinische Anwendung entwickelt wurde und der nicht validiert ist.  Es ist nicht festgelegt, wie viele Zyklen (Kopiervorgänge im Reagenzglas) durchgeführt werden sollen, bis gesagt werden, kann, der Test sei positiv oder negativ.  Experten sagen, wenn nach 30 Zyklen kein positives Signal aufleuchtet, ist der Test negativ.  In der Schweiz werden in den Labors bis 40-45 Zyklen durchgeführt. Dadurch besteht eine grosse Wahrscheinlichkeit, dass quasi eine Verunreinigung zu einem positiven Resultat führen wird.  Als wir in unserer Praxis bei unserem Labor angerufen haben und nachgefragt haben, wie viele Zyklen sie durchführen, wurden wir mit dem Chef verbunden, welcher zur Auskunft gab, dass das Betriebsgeheimnis sei.  

Beschwerden und Klagen werden zunehmen, dass sämtliche Massnahmen der Corona-Srategie auf einem unzuverlässigen Test beruhen. Lesen Sie dazu den Entscheid des portugiesischen Berufungsgericht vom 11.11.2020:
https://tkp.at/2020/11/17/portugiesisches-berufungsgericht-haelt-pcr-tests-fuer-unzuverlaessig-und-hebt-quarantaene-auf/

Mein Fazit

Das Virus spaltet die Gesellschaft und die Wissenschaft.  Ein Dialog findet nicht statt.

Coronaviren hat es immer schon gegeben. Dass sie mutieren und alle paar Jahre mal vom Tier auf den Menschen überspringen können, ist nichts neues (SARS, MERS).

Neue Viren und Pandemien sind in der Natur nichts neues.

Viele Daten zu SARS-CoV-2 sind vorhanden.  Die Behauptung, man wisse noch zu wenig, trifft nicht zu.

Immer noch denken viele Menschen, dass sie einer Risikogruppe angehören, obwohl schon im April die Liste mit den «Kategorien besonders gefährdeter Personen“ deutlich eingeschränkt wurde. Ein gut entstellter Bluthochdruck ohne Endorganschäden, ein gut eingestelltes Asthma bronchiale, ein gut eingestellter Diabetes mellitus sind zum Beispiel kein Risiko.  Auch Alter >65 Jahren ist per se kein Risiko.  Das BAG betreibt keine Anstrengungen, die Bevölkerung darüber aufzuklären.  Wohl aus der Befürchtung, die Menschen könnten ihre Angst verlieren.

Die Liste ist nur sehr schwer zu finden, und zwar in der COVID-19  Verordnung 2 im Kapitel Bundesrecht.
https://www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/20200744/index.html  

Die Strategie und die Massnahmen wurden aufgrund der Annahmen der ersten Welle erstellt.  Glücklicherweise hat sich herausgestellt, dass die Gefährlichkeit von SARS-CoV-2 deutlich überschätzt wurde, zudem haben verbesserte Behandlungsmöglichkeiten die Letalität verringert.  Die Case Fatality Rate der zweiten Epoche in der Schweiz liegt nur wenig höher als jene von Influenza.  Berücksichtig man die weitgefasste Definition der Corona-Toten (positiver Abstrich in den letzten 28 Tagen), liegt die Sterblichkeit von COVID-19 im Bereich jener von Influenza.  

Die Bevölkerungsgruppe der unter 65J. ist nicht relevant betroffen.  Für sie sollten alle Massnahmen gestoppt werden.  

Die Bevölkerungsgruppe über 65J. ist betroffen, v.a. die über 80Jährigen und Immungeschwächten. Wobei unter den Betagten im Jahr 2020 ein geringerer Anteil gestorben ist als im schweren Grippejahr 2015 (2015 sind bis und mit Kalenderwoche 47 3.54% der Altersgruppe 65+ gestorben, 2020 waren es 3.39%).

Die Betagten und Vulnerablen sollen selber entscheiden dürfen, ob sie – unter Inkaufnahme eines gewissen Risikos – normal leben oder sich schützen wollen.  So wie die Selbstbestimmung auch in anderen Bereichen – zum Beispiel in der Patientenverfügung – zum Tragen kommt.   Für Spitäler und Altersheime sind Schnelltests für das Personal mit Krankheitssymptomen und Hygiene- und Distanzmassnahmen eine Option.

Herdenimmunität ist das Ziel. Nicht durch Impfung, sondern durch Durchseuchung, welche aktuell eh schon voll im Gange ist.  Bis eine Impfung endlich da ist, werden viele von uns SARS-CoV-2 bereits gehabt haben.  Weil viele von uns bereits infiziert worden sind und in der gleichen Saison nicht mehr erkranken können, werden auch die Vulnerablen geschützt (= Herdenimmunität).  Dass das funktioniert, sehen wir am Beispiel von Schweden, wo es dank frühzeitiger Durchseuchung aktuell – im Gegensatz zur Schweiz – ohne geschlossene Restaurants und Geschäfte und ohne Maskenpflicht – keine Übersterblichkeit gibt.

Die nachstehenden Graphiken betreffen alle Alter und sind entnommen aus https://www.euromomo.eu/graphs-and-maps/.

Eine Impfung für Alle gegen eine Krankheit, die bei einem Grossteil der Bevölkerung milde oder ohne Symptome verläuft, ist übertrieben.  Eine wirksame und sichere Impfung für die Vulnerablen wäre wünschenswert.  Die Langzeitnebenwirkungen der Phase IV der Impfstoffentwicklung erst bei der Impfung der ganzen Weltbevölkerung erfassen zu wollen, kann keine Option sein.

Der Mensch ist ein Gemeinschaftswesen. Auf die Dauer social distancing zu verlangen, ist unmenschlich und unrealistisch. 

Masken in Schulen und Gymnasien haben keinen relevanten Effekt.  Aus dem Grunde, dass es nichts bringt, wenn die Jugendlichen in der Schule die Maske tragen und in der Freizeit die Köpfe zusammen stecken.  

Die Reduktion der universitären Ausbildung auf Online-Vorlesungen hat eine massive Qualitätseinbusse der Ausbildung einer ganzen Generation zur Folge.  Von der de facto Abschaffung des Studentenlebens und der Unmöglichkeit, Kommilitonen kennen zu lernen, ganz zu schweigen.

Der Verlauf der Kurve der Positiv-Getesteten in der Schweiz zeigt, dass sie unabhängig von den Massnahmen ihren Lauf nimmt:  im Sommer gab es trotz lockeren Massnahmen nur sehr wenige Fälle, im Herbst stiegen die Zahlen dann rasant an trotz Verschärfung der Massnahmen.

Lockdownmassnahmen haben keinen nachhaltigen Effekt auf den Verlauf der Pandemie.  Sie führen jedoch zu massiven gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Schäden.  Die Armen der Welt werden noch ärmer.

Die direkten und indirekten Kosten für die Corona-Pandemie belaufen sich in der Schweiz auf 138 Milliarden Franken (NZZ 28.11.2020).  Es werden unsere Kinder und Enkel sein, die die Schulden zurückzahlen müssen.

Es ist zu befürchten, dass permanentes Desinfizieren und Maskentragen unsere Immunabwehr längerfristig schwächen wird.  

Ich möchte allen Ärzten und Pflegenden, welche auf Intensiv-Stationen und Allgemeinabteilungen unter erschwerten Bedingungen COVID-19-Patienten behandeln und pflegen, ganz herzlich danken.  Der Pflegenotstand auf Intensiv-Stationen ist ein schon vorbestehendes Problem, welches aktuell aggraviert ist.  Es ist Aufgabe der Politiker, dieses Problem anzugehen durch Steigerung der Attraktivität dieses Berufes. Die Kosten zur Behebung des Pflegenotstandes stehen in keinem Verhältnis zu den Kosten, die der Gesellschaft durch die Massnahmen zugemutet werden.

Den Angehörigen der 63’205 Menschen in der Schweiz, die dieses Jahr aus dem Leben scheiden mussten (bis Wo 47), möchte ich mein herzliches Beileid aussprechen.  Auch den Angehörigen der Menschen, die im Zusammenhang mit COVID-19 verstorben sind.  Jeder Tod hinterlässt eine grosse Lücke.  Möge die Diskussion um Corona helfen, den Betagten ein würdevolles Leben und Sterben zu ermöglichen als Teil unserer Gesellschaft.

Im Moment ist die Lage in der Schweiz noch recht ruhig, da für viele der Geschädigten Geld fliesst, welches ruhig hält.  Dies im Unterschied zu Revolten in Neapel oder Turin, wo der erneute Lockdown vielen Leuten die Lebensgrundlage raubt, ohne dass der Staat zahlt.

Dass man nicht mehr frei Hochzeiten oder Beerdigungen feiern kann, dass bestimmt wird, mit wievielen Personen Weihnachten gefeiert und ob gesungen werden darf, dass man nicht mehr frei reisen kann, dass v.a. den älteren Menschen die Entscheidunsgfreiheit genommen wird, dass die Menschen mit Masken herumlaufen und jeden Mitmenschen als potentielle Gefahr anschauen – das lässt mich an totalitäre Staaten wie die DDR denken. Dass wir in unserer Schweiz einmal solche Zustände haben würden, hätte ich mir nie träumen lassen.

Ich bin ein optimistischer Mensch mit grossem Vertrauen in unseren Staat.  Deshalb bin ich weiterhin zuversichtlich, dass unsere Entscheidungsträger zur Vernunft kommen werden, ohne dass das Volk eine juristische Klage nach der anderen starten muss oder gar offen rebelliert.

Helfen Sie mit, dass ein Dialog stattfinden kann!

Für die unzähligen Briefe und Mails, die ich auf meinen ersten offenen Brief hin erhalten habe, möchte ich mich ganz herzlich bedanken!  

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