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Weshalb jetzt in Richtung Lockdown

Ein Text von Dr. med. Kathrin Meffert-Ruf (Stand: 15.12.2020)

Der Bundesrat soll schon am Freitag 18.12.2020 schärfere Corona-Massnahmen verfügen.  Das fordern jetzt die kantonalen Gesundheitsdirektoren, präsidiert durch Lukas Engelberger.  Im Zentrum steht die Schliessung der Restaurants (NZZ 15.12.2020).

Auf welchen Grundlagen basieren diese Entscheide, wie schlimm ist die Lage wirklich?

Der Bundesrat basiert auf objektiven Kriterien wie Reproduktionszahlen, Fallzahlen und Spitalauslastung.  Schauen wir uns diese Zahlen mal an:

  1. Fallzahlen:  

Kommentar:  Die Fallzahlen waren Ende Oktober auf dem Höchststand und haben sich seither halbiert.  Aktuell stagniert der weitere Rückgang. 

Dass SARS-CoV-2 im nasskalten Dezember nicht einfach verschwindet, erstaunt nicht, da es sich um ein saisonalen Atemwegsvirus handelt.  Im Winter gab es immer schon gehäuft Schnupfen, Husten, Fieber.

2. Spitalauslastung:

Kommentar:  Die Spitalauslastung war Mitte bis Ende November auf einem Höchststand (über 4000 Hospitalisierte) und ist seither rückläufig, im Vergleich mit der Vorwoche um 5%. Die Auslastung der Intensivbetten beträgt 79%, was normal ist.  Die knapp 900 zertifizierten IPS-Betten sind zwar voll, die Nicht-Zertifizierten IPS-Betten sind aber bei weitem nicht ausgeschöpft.  Problem ist der Pflegepersonalmangel, welcher vorbestehend ist und politisch angegangen werden muss unabhängig von Corona.

3. Reproduktionszahlen:

Die effektive Reproduktionszahl Re gibt an, wie viele Personen eine infizierte Person im Durchschnitt ansteckt. Der neuste Wert gilt für den 4. Dezember und steht bei 1,13 (1,11 – 1,14). Das bedeutet, dass hundert Neuinfizierte im Schnitt 113 Personen ansteckten.
Der Re Wert welcher heute berechnet wird, bildet das Infektionsgeschehen schweizweit von vor ca. 10 Tagen ab und ca. 14 Tage für Kantone wegen der Verzögerung zwischen Ansteckung und positivem Testergebnis. Der aktuellste Re Wert in der Abbildung ist mit einem Stern markiert.

In allen 7 Grossregionen liegt Re aufgrund der bestätigten Fälle (Median) derzeit deutlich über dem von der Swiss National COVID-19 Science Task Force vorgeschlagenen Zielwert von 0,8, welcher zu einer Halbierung der Anzahl Neuinfektionen innerhalb maximal 14 Tagen führt, so die Taskforce.

Kommentar:  Die effektive Reproduktionszahl Re hinkt der Realität 10-14 Tage hinterher und ist ein sehr ungenauer Wert.  Ob Re geeignet ist als Grundlage für kurzfristige Entscheidungen, ist sehr fraglich.

Schauen wir uns zusätzlich noch weitere Kurven an:

Kommentar: Schaut man die parallelen Kurven der durchgeführten Tests und der positiv Getesteten an, wird man den Verdacht nicht los, dass es sich – zumindest teilweise – um eine Testwelle handelt.

Kommentar:  Die Zahl der Corona-Verstorbenen war im November auf einem Maximum und ist rückläufig.  

Bei der Beurteilung der Zahl der Corona-Toten muss berücksichtigt werden, dass nicht unterschieden wird, ob jemand mit oder an Corona verstorben ist.  Die EU-Definition eines Corona-Toten besagt, dass alle Verstorbenen, welche in den 28 Tagen vor dem Tod einen positiven Corona-Abstrich hatten, als Corona-Tote gelten.  Egal ob sie an Krebs, an einem Herzinfarkt oder wegen Abbruch der Dialyse sterben.  Somit wären es de facto viel weniger Menschen, die effektiv an Corona verstorben sind.

Epidemiologische Lagebeurteilung Swiss National COVID-19 Science Task Force 14.12.2020 (Auszug)

«Über die ganze Schweiz zeigt die SARS-CoV-2-Epidemie einen stabilen bis ansteigenden Verlauf. Die effektive Reproduktionszahl Re beträgt:

• 1,13 (95% Unsicherheitsintervall, UI: 1,11-1,15) aufgrund der bestätigten Fälle (per 3.12.2020) 

• 0,89 (95% UI: 0,8-0,98) aufgrund der Hospitalisationen (per 28.11.2020) 

• 0,96 (95% UI: 0,83-1,09) aufgrund der Todesfälle (per 22.11.2020) 

Re aufgrund der bestätigten Fälle befindet sich deutlich über der kritischen Schwelle von 1 und deutet damit auf ein exponentielles Wachstum der Epidemie hin. Diese Analyse wird gestützt durch die beobachteten Verdopplungs- bzw. Halbwertszeiten der bestätigten Fälle und Hospitalisationen über die letzten 14 Tage. Die Anzahl der COVID19-Patienten auf Intensivstationen (463-495)3 und der täglichen Todesfälle (57-88)4 bleiben über die letzten 14 Tage auf hohem Niveau relativ stabil. Die kumulierte Anzahl der bestätigten Fälle über die letzten 14 Tage liegt bei 655 pro 100’000 Einwohner.»

«Die regionalen und kantonalen Unterschiede im Verlauf der SARS-CoV-2-Epidemie sind beträchtlich. Die kumulierte Anzahl der täglich bestätigten Fälle über die letzten 14 Tage pro 100’000 Einwohner liegt zwischen 345 (Jura) und 952 (St. Gallen). In allen 7 Grossregionen liegt Re aufgrund der bestätigten Fälle (Median) derzeit deutlich über dem von der Swiss National COVID-19 Science Task Force vorgeschlagenen Zielwert von 0,8, welcher zu einer Halbierung der Anzahl Neuinfektionen innerhalb maximal 14 Tagen führt.»

«Nach dem raschen Anstieg der SARS-CoV-2-Epidemie im Oktober 2020 und einem Rückgang im November 2020, zeigt sich auf nationaler Ebene seit mehreren Wochen ein stabiler bis ansteigender Verlauf. Schweizweit liegt Re für all drei Indikatoren oberhalb des von der Swiss National COVID-19 Science Task Force vorgeschlagenen Zielwerts von 0,8. Es zeigen sich zudem starke regionale Unterschiede. Während einzelne Kantone/Grossregionen einen leichten Rückgang der Epidemie aufweisen, zeigt der Grossteil der Kantone/Grossregionen einen ansteigenden Verlauf. Aufgrund von Meldeverzögerungen, der hohen Testpositivität und einer variierenden Anzahl Tests müssen die einzelnen Schätzwerte von Re mit Vorsicht interpretiert werden. Die kumulierte Anzahl der täglich bestätigten Fälle über die letzten 14 Tage liegt in allen Kantonen deutlich über der Schwelle von 60 pro 100’000 Einwohner. Die Testpositivität ist deutlich über dem von der Weltgesundheitsorganisation empfohlenen Schwellenwert von 5%. Die aktuelle Belastung für das Gesundheitssystem und die Zahl der täglichen Todesfälle ist in vielen Kantonen nach wie vor hoch. Es ist davon auszugehen, dass die sinkenden Temperaturen und die durch den Wintersport und die Weihnachtsferien zu erwartende Mobilität und zunehmenden Kontakte zu vermehrten Ansteckungen führen werden.»

Mein Fazit:

Es ist nicht nachvollziehbar, dass der Bundesrat und die kantonalen Gesundheitsdirektoren jetzt auf eine Verschärfung der Massnahmen drängen. Die Strategie der ersten Welle war die Verhinderung des Kollaps des Gesundheitssystems.  Dies ist zum Glück weder in der ersten Welle noch in der zweiten Welle, welche den Zenit hinter sich hat, eingetreten.  Die Zahlen der Neuinfektionszahlen, der Hospitalisationen und der Todesfälle waren im November höher als jetzt. Die Intensivstationen waren nie über 81% belegt.  Die Reproduktionszahl Re hinkt der Realität 10-14 Tage hinterher, ist sehr ungenau und deshalb als Grundlage für kurzfristige Entscheidungen nicht geeignet.

Dass Corona jetzt im nasskalten Dezember nicht einfach verschwindet, erstaunt nicht, da SARS-CoV-2 ein saisonales Atemwegsvirus ist.  Im Herbst und Winter gab es immer schon häufiger Schnupfen, Husten, Fieber und selten auch Komplikationen mit Lungenentzündungen.

«Am ehesten wird sich das pandemische SARS-Coronavirus-2 (SARS-CoV-2) bleibend in die winterlich-endemisch auftretenden respiratorischen Viren wie Influenza und RSV einreihen», so Prof. Dr. med. Phillip Tarr, Infektiologe am Kantonsspital BL   (PRIMARY AND HOSPITAL CARE – ALLGEMEINE INNERE MEDIZIN 2020;20(12):377–382).

Es kann nicht sein, dass die Swiss National COVID-19 Science Task Force sich unrealistische Ziele setzt (Halbierung der Anzahl Neuinfektionen innerhalb maximal 14 Tagen, Re unter 0,8), die Aufgrund der Natur des Virus nicht zu erreichen sind.  Und dass der Bundesrat krampfhaft versucht, diesen unrealistischen Zielen mit Massnahmen, die offensichtlich kaum was bewirken, auf dem Buckel der Bürger nachzurennen.  Koste es was es wolle.

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