Plattform COVID-19

Diskurs zum offenen Brief

Valentin Haller hat auf meiner COVID-19 Plattform eine Stellungnahme zum offenen Brief von Dr. med. Kathrin Meffert-Ruf publiziert (original in schwarz). Sie wiederum ist auf seine Fragen eingegangen (in grün), worauf auch Haller wieder einige Gegenfragen stellt (in rot).

Ich möchte Euch diese Unterhaltung als meinungsbildende Massnahme nicht vorenthalten:

In ihrem offenen Brief schreibt Frau Meffert-Ruf, dass laut BAG «gut eingestellte Diabetiker, Asthmatiker oder Hypertoniker ohne Endorganschäden» kein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf von COVID-19 hätten. Die Liste der Risikokrankheiten sei im April diesbezüglich angepasst worden. Diese Feststellung ist falsch, wie man unschwer der BAG-Website entnehmen kann (u.a. «Besonders gefährdete Personen», «Merkblatt für Menschen mit Vorerkrankungen», «Kategorien besonders gefährdeter Personen»): Diese Vorerkrankungen werden noch immer aufgeführt. Neben vielen anderen Behörden und Organisationen weist auch das Robert Koch Institut (RKI) weiterhin u.a. Personen mit «Herzkreislauferkrankungen, Diabetes, Erkrankungen des Atmungssystems» als Risikogruppen aus.

Es ist so, die BAG Liste wurde angepasst und eingeschränkt:
Liste-besonders-gefährdeter-Personen_Anhang-6_ab 24.06.2020_DE (5).pdf
Leider hat das die Oeffentlichkeit kaum mitbekommen, was auch die Reaktion von Herr Haller zeigt.
Uebrigens gelten die Ü65 seit September pauschal auch nicht mehr als Risikopersonen.

Könnten Sie mir dazu allenfalls einen Link schicken? Auf der BAG-Webseite (Link unten) finden sich die Ihrerseits als Beispiele aufgeführten Vorerkrankungen weiterhin als „besonders gefährdete Personen“. Dass Ü65 nicht mehr pauschal als Risikopersonen gelten, ist korrekt und passt auch zum aktuellen Wissensstand, wonach die IFR bereits ab einem Alter von etwa 50 Jahren ansteigt.

https://www.bag.admin.ch/bag/de/home/krankheiten/ausbrueche-epidemien-pandemien/aktuelle-ausbrueche-epidemien/novel-cov/krankheit-symptome-behandlung-ursprung/besonders-gefaehrdete-menschen.html

Weiter heisst es im offenen Brief, von 48 per 31.03.2020 im Schweizer Dialyseregister erfassten und an COVID-19 erkrankten Patienten seien deren 40 wieder genesen. Abgesehen davon, dass eine solche Stichprobe statistisch insignifikant und deshalb ohne jede Aussagekraft ist: Was ist mit den anderen 8 Personen geschehen? Sind sie verstorben? Und sind die 40 Gesundeten vollständig genesen oder leiden sie allenfalls an Spätfolgen? Der Brief gibt darauf keine Antworten. Aus der vermeintlich angepassten BAG-Risikoliste und den paar wenigen Dialysepatienten wird jedoch kurzerhand abgeleitet, COVID-19 bedeute für Hochrisikopatienten kein Todesurteil. Diese Feststellung ist mindestens grob verharmlosend, wie man schon alleine an den weltweiten Todeszahlen ablesen kann. Im Weiteren lassen sich derzeit noch keine verlässlichen Aussagen über Langzeitauswirkungen und Folgeschäden einer Erkrankung an COVID-19 machen. 

Es geht nicht um eine Stichprobe, sondern um absolute Zahlen der bis Ende März 2020 an Covid-19 erkrankten Dialysepatienten in der Schweiz. Leider ist das Dialyseregister noch nicht weiter geführt, was sicher bald passieren wird.  

Dies soll eines von vielen Beispielen sein, dass selbst Hochrisikopatienten eine Covid-19-Infektion häufig überstehen.  Dies ist auch dem Interview mit Prof. Dr. med. Pless, Chefarzt Medizinische Onkologie am Kantonsspital Winterthur (ONCO MAG 9/2020) zu entnehmen:  „Wir glauben nicht, dass onkologische Patienten unter Immuntherapie bei einer Covid-19-Infektion einen schlechterern Verlauf haben.“

Wichtig ist auch zu wissen, dass onkologische Patienten, welche früher mal Krebs gehabt haben, jetzt aber rezidivfrei sind und keine Therapie machen müssen, i.d.R. ein normales Immunsystem und somit kein erhöhtes Risiko für einen schweren Covid-19-Verlauf haben.

Ich bestreite keineswegs, dass glücklicherweise auch Hochrisikopatienten in vielen Fällen die Erkrankung überstehen. Wir können uns aber hoffentlich darauf einigen, dass es einigermassen klar definierte Risikogruppen gibt und dass diese Risikogruppen einem erhöhten Risiko ausgesetzt sind, an COVID-19 zu versterben oder schwere Krankheitsverläufe auszubilden. Und ich bitte Sie zu berücksichtigen, dass die Langzeitauswirkungen nach wie vor ein grosses Fragezeichen sind. Infolgedessen sollte allen – nicht nur den Risikogruppen – vernünftigerweise daran gelegen sein, eine Infektion zu vermeiden. Nicht nur für uns selbst, sondern auch für unsere Nächsten. Ich könnte es nicht mit meinem Gewissen vereinbaren, beispielsweise meine Mutter (chronische Bronchitis) anzustecken und einem vermeidbaren Krankheits- oder gar Todesrisiko auszusetzen, selbst wenn diese Risiken eher gering sein sollten.

Es gäbe in der Natur immer wieder neue oder mutierte Viren (was zutreffend ist), ist weiter zu lesen und das menschliche Immunsystem sei darauf vorbereitet, weshalb eine Panikmache unbegründet sei (was in dieser Pauschalisierung falsch ist). Es wird ausgeblendet, dass das menschliche Immunsystem auf gewisse Viren (u.a. Tollwut, Ebola, Rota, Pocken, HIV) keine genügende bzw. gar keine Antwort findet oder nur dann, wenn entweder eine Impfung die Infektion verhindert resp. wirksame Therapien die Erkrankung zu behandeln vermögen. Bei SARS-CoV-2 ist beides derzeit nicht gegeben: Weder steht ein Impfstoff zur Verfügung noch gibt es konstant verlässliche Therapien insbesondere für schwere Krankheitsverläufe.

Wie Herr Haller richtig sagt, gibt es schlimme Krankheiten, welche oft mit Schäden oder sogar tödlich enden. Deshalb sind wir auch sehr froh, dass es Impfungen gibt, welche die Menschen vor solch schlimmen Krankheiten schützen (selbstredend gibt es nicht für alle Krankheiten Impfungen. Von den gebrachten Beispielen gibt es Impfungen gegen Tollwut und Rotaviren.  Pocken sind ausgerottet, und gegen Ebola und HIV konnte bisher leider keine Impfung entwickelt werden).  Glücklicherweise gibt es hunderte von weiteren Viren, mit welchen das menschliche Immunsystem in der Regel bestens zurecht kommt und gegen die es auch keine Impfung gibt, z.Bsp. Rhinoviren, Coxsackie, Parainfluenza, RSV, EBV, CMV, Adenoviren etc etc.  Jedes KiTa-Kind mit Dauerschnupfen setzt sich dauernd mit unzähligen Viren auseinander, und dank seinem guten Immunsystem hat es „nur“ einen Schnupfen.

Glücklicherweise haben auch die meisten (über 80%) Menschen, welche sich mit SARS-CoV-2 anstecken, milde oder asymptomatische Verläufe.  

Danke für Ihre Ausführungen. Der entscheidende Punkt ist hier nach meinem Dafürhalten, dass wir bezogen auf SARS-CoV-2 derzeit mit der Tatsache leben müssen, dass es noch keine Impfung gibt und gerade innerhalb der Risikogruppen trotz verbesserter Therapien nach wie vor viele Menschen sterben (je nach Studie wird die IFR bei Ü70 mit 5 bis gegen 15% geschätzt). Und es ist auch entscheidend, entschuldigen Sie die Wiederholung, dass wir noch zu wenig wissen bezüglich Folgeschäden. 

Insofern: Ja, das Immunsystem kommt mit vielen Viren klar, aber mit einigen leider nicht. Wenn ungefähr 80% der Menschen milde oder asymptomatische Verläufe haben, dann heisst das im Umkehrschluss eben auch, dass ungefähr 20% der Infizierten symptomatische bis schwere Verläufe haben. Bei diesen Grössenordnungen darf man m.E. durchaus von einem gefährlichen Virus sprechen.

An verschiedenen Stellen wird gesagt, SARS-CoV-2 sei kein «Killervirus». Dies wirft zunächst die Frage auf, wann nach ihrer Ansicht ein Virus das Präfix «Killer» verdient hat. Diese Frage bleibt unbeantwortet, obschon die Antwort auf der Hand liegt: Immer dann, wenn eine unkontrollierte Ausbreitung die Gefahr einer Überlastung des Gesundheitswesens birgt. Doch selbst wenn ein Virus «nur» eine durchschnittliche Infektionssterblichkeit (IFR) von 0.14% aufweist, wird dieses Virus weltweit zu mehr als 7 Millionen Opfern führen bis eine 70%-Herdenimmunität erreicht ist, sofern weder Impfstoff noch Therapie verfügbar sind und keine Massnahmen getroffen werden. Für die Opfer handelt es sich also sehr wohl und in jedem Fall um ein Killervirus, wenn sie daran sterben.

Ein Killer-Virus ist ein Virus mit hoher Letalität, wie zum Beispiel Ebola oder Gelbfieber.

Jedes Virus kann bei Geschwächten schwere Verläufe verursachen, auch zum Beispiel Rhinoviren (Schnupfenviren) können Lungenentzündungen verursachen.  

Die Frage ist, wie häufig das passiert und ob es auch bei Gesunden passiert.  Und da hat sich herausgestellt, dass die IFR von Sars-CoV-2 in einem ähnlichen Bereich wie die von Influenza liegt.  Angesichts der Tatsache, dass man sich gegen Influenza impfen kann, muss also davon ausgegangen werden, dass die IFR von Influenza ohne Impfung höher wäre als die von Sars-CoV-2. Sprich:  Es ist somit davon auszugehen, dass die Grippe ohne Grippe-Impfung mehr Opfer fordern würde als Sars-CoV-2.

Sie haben recht, dass es für alle, die Covid-19 zum Opfer fallen, ein Killervirus ist.  

Dazu muss gesagt werden, dass längst nicht alle „Corona-Toten“ ohne Sars-CoV-2 noch am Leben wären.  Die EU-Definition eines Corona-Toten besagt ja, dass jeder, der binnen 28 Tagen nach positivem PCR-Befund verstorben ist, in die Covid-19 Statistik aufgenommen werden muss, egal ob er terminal krebskrank oder ein Unfallopfer ist. 

Das Median-Alter der Corona-Toten von 86 Jahren besagt auch, dass viele der Patienten in sehr betagtem Alter gewesen sind.

Jeder Todesfall ist sehr traurig.  Ich möchte den Tod auch von Betagten keinesfalls geringschätzen.  Meine Eltern sind auch in diesem Alter und ich wünsche ihnen und mir, dass sie noch lange leben. Trotzdem gehören Geburt und Tod zum Leben eines jeden Menschen.

Zu guter Letzt muss noch gesagt werden, dass ich nicht daran glauben kann, dass Sars-CoV-2 ein Killervirus ist, da ich keinen einzigen Menschen in meiner Familie, Bekannten- und Freundeskreis kenne, der einen schweren Verlauf mit Hospitalisation geschweige denn Tod gehabt hat, dass ich aber viele kenne, die Sars-CoV-2 gehabt haben mit mildem oder asymptomatischen Verlauf, mich inbegriffen.  

Ich kann Ihrer Definition von Killer-Virus nur bedingt zustimmen. Natürlich ist eine hohe Letalität ein entscheidender Faktor. Aber auch bei einer vergleichsweise geringen Letalität können in absoluten Zahlen viele Menschen sterben, wie ich exemplarisch ausgeführt habe. Hinzu kommt, dass im Falle einer Überlastung des Gesundheitswesens mit weiteren indirekten Todesfällen zu rechnen ist.

Unverständlich ist für mich, dass Sie weiterhin an Ihrer Aussage festhalten, die IFR von SARS-CoV-2 liege in einem ähnlichen Bereich wie jene von Influenza, weil das nun mal schlicht und ergreifend nicht die vorherrschende wissenschaftliche Meinung ist und die überwältigende Mehrheit aller diesbezüglichen Studien zu einem anderen Ergebnis kommt. Unten füge ich Ihnen einen Link einer neuen Studie des Imperial College London ein, welche die mittlere IFR von COVID-19 mit ca. 1% beziffert. Im Übrigen sollten Sie bedenken, dass die IFR von COVID-19 mit einer höheren Genauigkeit bestimmt werden kann als jene der saisonalen Grippe. Dies insbesondere deshalb, weil erstens die Todesursache Grippe so gut wie nirgendwo verlässlich statistisch erhoben, sondern als Schätzung aufgrund von saisonalen Übersterblichkeiten beziffert wird. Zweitens ist die Anzahl der Grippeinfizierten gleichsam eine grobe Schätzung mit einer höchstwahrscheinlich beträchtlichen Dunkelziffer (wer geht schon wegen einer Grippe zum Arzt?). 

Ihre Annahme, Influenza habe – wenn man den Einfluss der Grippeimpfung mitberücksichtigt – sogar eine höhere IFR als SARS-CoV-2, gehört mit Verlaub zur Kategorie „Bauchgefühl“. Wissenschaftliche Studien darüber gibt es meines Wissens jedenfalls keine. Bitte berücksichtigen Sie dazu erstens die Impfrate (beispielsweise in Deutschland lassen sich nur ungefähr 10% der Menschen gegen die Grippe impfen) und zweitens die schwankende Wirksamkeit dieser Impfung (in der Saison 2018/2019 gemäss RKI nur in ungefähr 21% der Fälle wirksam, niedrigste Effektivtät in der Risikogruppe Ü60 mit nur ca. 4%). Gewichtet um diese Faktoren dürfte der Einfluss der Grippeimpfung auf einen Vergleich der IFR von SARS-CoV-2 und Influenza einen marginalen Effekt haben.

Meine Behauptung war im Übrigen nicht, dass an COVID-19 verstorbenen Menschen noch immer am Leben wären, sondern lediglich, dass diese Menschen aufgrund des Virus früher gestorben sind als es ohne Infektion der Fall gewesen wäre und mithin Lebenszeit vermeidbar verloren ging. Bitte sehen Sie sich die Übersterblichkeitsgrafiken im Economist an (Link unten). Sie sprechen ein ziemlich klares Bild über den Einfluss von COVID-19. Es ist eher unwahrscheinlich, dass es sich bei diesen Übersterblichkeiten um „übliche“ Todesursachen wie Krebs oder Unfälle gehandelt hat. Nach meiner Interpretation dieser Statistiken sind weltweit schon deutlich mehr Menschen an COVID-19 gestorben, als es die offiziellen Zahlen vermuten lassen. Beispielsweise in Russland wurden die Todeszahlen allem Anschein nach mehr als nur geschönt.

Letztlich: Ich halte es für einen Denkfehler, persönliche Erfahrung oder anekdotische Evidenz höher zu werten als wissenschaftliche Erkenntnisse. Auch ich habe glücklicherweise niemanden in meinem engeren Umfeld, der/die an COVID-19 verstorben ist. Aber ich habe auch niemanden in meinem engeren Umfeld, der/die an Ebola verstorben ist. Das macht die Viren aber nicht weniger gefährlich.

https://medicalxpress.com/news/2020-10-covid-deaths-infection-fatality-ratio.htmlhttps://www.economist.com/graphic-detail/2020/07/15/tracking-covid-19-excess-deaths-across-countries

Ausserdem heisst es in dem Brief tatsachenwidrig, die WHO hätte die IFR von COVID-19 mit 0.14% bestätigt und bekannt gegeben, SARS-CoV-2 sei nicht gefährlicher als die saisonale Grippe. Beide Feststellungen sind erwiesenermassen falsch: Erstens hat nicht die WHO die IFR mit diesem Wert angegeben, sondern diese Angabe wird auf eine einzelne der vielen auf der Website der WHO veröffentlichten Studien zurückgeführt. Im Brief wird verschwiegen, dass diese Studie vehementer Kritik ausgesetzt ist und dass die Studie eine Median-IFR von 0.27% (resp. korrigierten 0.23%) ausweist. Zweitens hat die WHO zu keinem Zeitpunkt verlautbaren lassen, SARS-CoV-2 sei nicht gefährlicher als die saisonale Grippe. Was auch verständlich ist, denn gemäss aktuellem wissenschaftlichen Konsens ist eine Ansteckung mit SARS-CoV-2 mit einem mindestens fünf- bis zehnmal höheren Todesrisiko verbunden als eine Influenzainfektion. 

Richtig ist der Hinweis, es würden nicht ausreichend Daten gesammelt, beispielsweise zum Anteil der Infizierten, die Symptome ausbilden oder zu den verschiedenen Ausprägungen von Krankheitsverläufen. Obschon sie aber feststellt, dass gar nicht genügend Daten vorhanden sind, um die Gefährlichkeit des Virus zu beurteilen, scheut sie nicht davor zurück, das Virus als ungefährlich (es ist ja kein «Killervirus) zu taxieren.

Im Brief wird versucht, einen Zusammenhang zwischen den Schutzmassnahmen und der Entwicklung der Infektionszahlen herzustellen und daraus eine Unwirksamkeit der von ihr kritisierten Schutzmassnahmen abzuleiten. Dieser Schluss ist jedoch unzulässig, da es nach wie vor (bedauerlicherweise) keine Evidenz gibt, welche Schutzmassnahmen wie wirksam sind. Ohne diese Evidenz könnte genauso gut behauptet werden, es seien gerade die Schutzmassnahmen, welche eine noch ungünstigere Entwicklung der Infektionszahlen verhindert hätten. Wobei diese Behauptung bei nüchterner Betrachtung eine wesentlich höhere Zutreffenswahrscheinlichkeit hat, weil darüber ein wissenschaftlicher Konsens besteht, beispielsweise punkto Schutzwirkung von Masken in Innenräumen.

Gleichsam ohne jeden Beleg wird behauptet, die Schutzmassnahmen seien für wirtschaftliche, psychische und medizinische Kollateralschäden ursächlich, welche den Nutzen der Massnahmen weit überstiegen. Auch dazu liegen derzeit (leider) keine Studien vor. Wiewohl unbestritten ist, dass eine Pandemie nebst direkten Folgen (Erkrankungen und Todesfälle) auch indirekte Konsequenzen für Gesundheit, Wirtschaft und Gesellschaft hat: Diese Konsequenzen sind in erster Linie der Pandemie geschuldet, nicht den Schutzmassnahmen. Jeder vernünftige, lebensbejahende Mensch wird nämlich angesichts eines grassierenden Virus sein Verhalten hinsichtlich Mobilität, Kontaktpflege und Freizeitgestaltung je nach Höhe des Infektionsrisikos anpassen.

Die Schreibende scheitert denn auch gleich an mehreren Stellen am Präventionsparadox: Sie zieht die Wirksamkeit der verhängten Schutzmassnahmen bis auf wenige Ausnahmen quasi pauschal in Zweifel und erklärt beinahe im gleichen Atemzug, die Auslastung der Spitäler und Intensivstationen bewege sich in einem normalen Bereich, die Übersterblichkeit sei gar keine, alle ursprünglichen Befürchtungen hinsichtlich der von SARS-CoV-2 ausgehenden Gefahr hätten sich nicht bewahrheitet. Sie berücksichtigt aber nicht, dass eben gerade die Schutzmassnahmen mit hoher Wahrscheinlichkeit einen wesentlichen Beitrag geleistet haben und noch immer leisten, damit Schlimmeres verhindert werden konnte und kann. Frei nach dem Motto «ich habe mich geimpft und bin nicht krank geworden, ergo hätte ich mir die Impfung sparen können».

In gar düstere Niederungen einer, für eine Ärztin aus meiner Sicht, Unmoral begibt sich die Verfasserin mit ihren Vergleichen zu Todeszahlen und -ursachen: Sie pickt sich eine Kalenderwoche heraus um festzustellen, dass «nur» 3.5% aller Todesopfer auf COVID-19 zurückzuführen waren und sich diese Opfer in einem Alter über der statistischen Lebenserwartung befanden. Es kümmert sie allem Anschein nach wenig, dass die bald 3’000 Opfer in der Schweiz bzw. die annähernd 1,3 Millionen Opfer weltweit aufgrund der Erkrankung an COVID-19 früher gestorben sind als es ohne diese Erkrankung der Fall gewesen wäre. Ihrer Aufmerksamkeit scheinen auch die in «The Economist» publizierten Daten entgangen zu sein, wonach es in nahezu allen Ländern massive, auf die Pandemie zurückzuführende Übersterblichkeiten gibt, deren Ursachen nicht mal vollständig SARS-CoV-2 zugeschrieben wurden. 

Hohe Todesfallzahlen sind Ausdruck eines schlechten Gesundheitssystems und schlechten Gesundheitszustand der Bevölkerung.  Es ist klar, dass ein Land mit 6 IPS-Betten/100’000 Einwohner sehr viel schneller an seine Grenzen kommen muss als ein Land mit 28 IPS-Betten/100’000 Einwohner. Zudem wurden in der ersten Welle viele Behandlungsfehler gemacht (frühe Intubation, Unterlassen von Inhalationstherapien, Hydroxichloroquin hochdosiert etc)

Hohe Todesfallzahlen sind nicht nur ein Ausdruck eines schlechten Gesundheitssystems. Wenn es irgendwo auf der Welt einen Ebola-Ausbruch gibt, dann nützt auch das allerbeste Gesundheitswesen nichts mehr. Ansonsten kann ich Ihnen hier aber zustimmen.

Die zwischen den Zeilen zum Ausdruck gebrachte Haltung «tja, Menschen sterben halt, Alte sowieso» ist einer Ärztin meines Erachtens unwürdig, ebenso die explizit gemachte Äusserung «Krankheit und Tod gehörten immer schon zum Leben». Die zur Veranschaulichung gezogenen Vergleiche von COVID-19 mit Bergsteigen (keine 100 Todesfälle pro Jahr) und Strassenverkehr (keine 200 Todesfälle pro Jahr) sind schon alleine zahlenmässig und inhaltlich (Krankheit und Unfälle = Äpfel und Birnen) völlig absurd. Die Absurdität wird durch den Umstand auf die Spitze getrieben, dass unsere Gesellschaft tatsächlich und zu Recht massive Investitionen in die Prävention solcher Unfälle tätigt. Mit derselben Konsequenz investiert die Gesellschaft nun auch in Schutzmassnahmen zur Eindämmung einer neuen, noch immer nicht abschliessend verstandenen Infektionskrankheit. Die logische Schlussfolgerung solch sinnentleerter Vergleiche wird hingegen nicht gezogen: Wenn Krankheit und Tod zum Leben gehören, weshalb machen wir dann überhaupt etwas dagegen, wozu leisten wir uns ein teures Gesundheitswesen? 

Die Verlinkung der «Great Barrington Declaration» ist ein zünftiger Schlag ins Gesicht jedes Menschen, der sich noch an den Grundsätzen von Logik und Vernunft zu orientieren pflegt. Lassen wir mal beiseite, dass diese Deklaration von einem Think Tank am politisch rechtesten Rand initiiert worden ist, der u.a. auch den Klimawandel leugnet und mit diesem Papier insbesondere die Politik von Donald Trump unterfüttern wollte. Eine Durchseuchung wie sie diese paar Professoren entgegen einer überwältigenden Mehrheit der Wissenschaft vorschlagen, ist in westlichen Gesellschaften offenkundig in keiner Art und Weise praktikabel. Wenig verwunderlich also, dass noch kein Verfechter dieser Strategie bislang aufzeigen konnte, wie sie konkret realisiert werden sollte. Insbesondere nicht, wie man in der Schweiz 20 bis 30% der Bevölkerung – so gross ist in etwa die Risikogruppe – wirksam isolieren soll. Im Schreiben heisst es, «Betagte und Kranke sollen sich schützen», aber wie genau Betagte und Kranke dies anstellen sollen, ohne sich komplett von der Gesellschaft zu isolieren, bleibt ihr Geheimnis. Ein unanständiges Geheimnis notabene, denn die Freiheiten («Gemeinschaft, Singen, Kultur, Musik, Tanz, Mannschaftssport»), die sie den nicht Vulnerablen uneingeschränkt zugestehen will, versagt sie gleichzeitig den Risikogruppen.

Gerne verweise ich auf Prof. Beda Stadlers (Immunologe) Strategie für die nahe Zukunft:
– sämtliche Massnahmen zurückfahren
– Menschen beim Begrüssen nicht küssen
– kein Händeschütteln
– Grossanlässe zulassen (mit Freiräumen, damit man nicht zu nahe aufeinandersitzt)
– deutlich machen, dass es draussen ungefährlich ist und Masken im Bahnhof nichts bringen
– jenen, die Angst haben, eine neue und günstige Art von Masken zur Verfügung stellen, damit sie beruhigt sind
– ein Sorgentelefon für die Verunsicherten einrichten.

Ich bin für Selbstbestimmung für die Vulnerablen:  Sie sollen selber entscheiden, was sie machen wollen, es braucht nicht die Bevormundung und das Diktat des Staates.

Vorneweg: Beda Stadler steht seit Anbeginn der Pandemie mit seiner Haltung ziemlich quer in der Landschaft. Ich orientiere mich in komplexen Fragen gerne an Ockhams Rasiermesser: Wenn 99% der Wissenschaftler A sagen und 1% B sagt, bin ich mit der Mehrheit. Der Klimawandel ist ein weiteres diesbezügliches Beispiel: Auch hier gibt es ja ein paar wenige „Experten“, die ihn abstreiten – Recht haben sie trotzdem nicht.

Sehr zurückhaltend bin ich zudem bei „Fachleuten“, die immer wieder Auftritte in der Weltwoche erhalten, die ja nun beim besten Willen nicht gerade eine Zeitschrift für Menschenfreunde ist. Stadler verharmloste u.a. die Situation im Frühjahr in Italien („es handelte sich um Einzelfälle“) und behauptete ohne jede Evidenz „die meisten Schweizerinnen und Schweizer“ seien „gegen das Coronavirus sowieso immun“. Im Mai sagte er „Die Krise ist … vorbei“. Stadler lag mit seinen Aussagen zur Pandemie dermassen oft falsch, dass er sich in meinen Augen als Fachinstanz in vorliegender Sache völlig disqualifiziert hat. Dasselbe gilt für Querschläger wie Bhakdi oder Wodarg, die von Skeptikern nach wie vor immer wieder vorgebracht werden, obschon sie breit widerlegt worden sind.

Der wissenschaftliche Konsens ist eindeutig: An der Eindämmung führt kein Weg vorbei, nur so kann eine Überlastung des Gesundheitswesens vermieden werden. Selbstbestimmung der Vulnerablen klingt zwar gut, allein: Diese Selbstbestimmung würde letztlich einfach noch darin bestehen, dass sich die Vulnerablen entweder komplett von der Gesellschaft abkapseln (weil darin wegen der Aufhebung aller Massnahmen die Durchseuchung vonstatten geht), oder aber am gesellschaftlichen Leben teilnehmen und sich damit einem nicht zu unterschätzenden Risiko von Krankheit und Tod aussetzen. Ich für meinen Teil habe ein anderes Verständnis von gesellschaftlicher Solidarität als „die nicht Gefährdeten können auf Kosten der Vulnerablen uneingeschränkt weiterleben“.

Sehen Sie: Ab Mitte Juni hatten wir ja (bis auf Grossanlässe) in der Schweiz und vielen europäischen Ländern in etwa genau die Situation, die Stadler beschreibt. Und wo stehen wir heute? Dank dem „Diktat des Staates“ sind wir knapp von einer Überlastung des Gesundheitssystems verschont geblieben. Ein Blick beispielsweise nach Belgien zeigt eindrücklich, dass nur mit einschneidenen Massnahmen eine solche Katastrophe verhindert werden kann. Auch ich habe nur sehr begrenzt Lust, im Homeoffice zu arbeiten, allenthalben Maske zu tragen und dergleichen mehr. Aber ich hätte noch deutlich weniger Lust, in einem Land zu leben, dessen Regierung die Bevölkerung sehenden Auges einem gefährlichen Virus aussetzt und es der Eigenverantwortung der Bevölkerung überlässt, irgendwie damit klar zu kommen. Eben diese Eigenverantwortung hat uns quasi direkt in die zweite Welle befördert. 

Und dann vielleicht noch zum „Diktat des Staates“: Der Bundesrat und die Regierungsräte der Kantone haben qua Verfassung und Epidemiengesetz eine gesetzliche Pflicht, die Gesundheit der Bevölkerung zu schützen. Der Souverän hat demnach die Schutzmassnahmen legitimiert. Ich halte es aber auch ungeachtet dieser gesetzlichen Grundlagen für moralisch geboten, dass eine Regierung eine Überlastung des Gesundheitswesens zu verhindern versucht. Eine Situation, in der in einem Land wie der Schweiz triagiert werden muss, wäre m.E. der Super-GAU. 

Ich habe durchaus Verständnis für die Meinung, ein Land könne nicht wegen jedem neuen Virus ein Riesenfass aufmachen. Sie liegen denn auch richtig mit Ihrer Haltung, eine Gesellschaft können nicht mit einer Vollkasko- und Nullrisikomentalität jeden Gefahrenherd verhindern. Vermutlich meinen Sie dies mit Ihrer Aussage „der Tod gehört zum Leben“. Es ist sicher richtig und wichtig, dass sich die Gesellschaft über diese komplexen Fragen auf demokratischem Wege unterhält und dabei endlich auch das Thema der Rationierung im Gesundheitswesen angeht, vor dem sich alle drücken. Aber das alles ist hier aktuell nicht der Punkt. Der Punkt ist aktuell: Wenn wir das Virus laufen lassen, wie dies Durchseuchungs- und Selbstbestimmungsbefürworter vorschlagen, wird aller Wahrscheinlichkeit nach unser Gesundheitssystem kollabieren. Und das darf einfach nicht passieren.

Einig gehe ich mit der Feststellung, dass von der Pandemie die Ärmsten der Welt direkt und indirekt am härtesten betroffen sind. Die Lösung für dieses Übel besteht aber nicht darin, dass die erste Welt ihre Schutzmassnahmen aufhebt und damit ihre eigenen Bevölkerungen einem Virus aussetzen, denn dadurch ist den Ärmsten nicht geholfen. Ihnen ist geholfen, wenn sich die Welt endlich zusammenrauft und die wahren Ursachen dieser schreienden Ungerechtigkeit bekämpft (Ungleichverteilung von Einkommen und Vermögen, mangelnde Demokratisierung, Klimawandel usw.).

Im letzten Satz sind wir uns einig!

Sehr geehrter Herr Haller, ich fühle ich geehrt, dass Sich sich die Mühe gemacht haben, meinen Offenen Brief so genau zu lesen und zu analysieren.  Ich schätze es sehr, dass auf Comm4u ein Austausch möglich ist.

Mit freundlichen Grüssen

Kathrin Meffert

Schön, dass wir uns mindestens in einem Satz einig sind. 🙂

Für die von Ihnen favorisierte Strategie der differenzierten Durchseuchung machen sich vorwiegend rechtspopulistische Politiker vom Schlage Trump und Bolsonaro, Rechts- und Linksradikale, Verschwörungstheoretiker, Impfgegner und weitere Wirrköpfe stark. Ich nehme Sie nun aber absolut nicht als diesen Gruppen zugehörig wahr, im Gegenteil. Daher die Frage: Finden Sie es nicht irgendwie suspekt, dass Sie sich nun punkto Coronakrise mit diesen demokatie- und wissenschaftsfeindlichen Gruppen quasi ins gleiche Boot zu setzen?

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