Plattform COVID-19

Stellungnahme zum offenen Brief

Von Valentin Haller, Betriebsökonom
10.11.2020

In ihrem offenen Brief schreibt Frau Meffert-Ruf, dass laut BAG «gut eingestellte Diabetiker, Asthmatiker oder Hypertoniker ohne Endorganschäden» kein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf von COVID-19 hätten. Die Liste der Risikokrankheiten sei im April diesbezüglich angepasst worden. Diese Feststellung ist falsch, wie man unschwer der BAG-Website entnehmen kann: Diese Vorerkrankungen werden noch immer aufgeführt. Neben vielen anderen Behörden und Organisationen weist auch das Robert Koch Institut (RKI) weiterhin u.a. Personen mit «Herzkreislauferkrankungen, Diabetes, Erkrankungen des Atmungssystems» als Risikogruppen aus.

Weiter heisst es im offenen Brief, von 48 per 31.03.2020 im Schweizer Dialyseregister erfassten und an COVID-19 erkrankten Patienten seien deren 40 wieder genesen. Abgesehen davon, dass eine solche Stichprobe statistisch insignifikant und deshalb ohne jede Aussagekraft ist: Was ist mit den anderen 8 Personen geschehen? Sind sie verstorben? Und sind die 40 Gesundeten vollständig genesen oder leiden sie allenfalls an Spätfolgen? Der Brief gibt darauf keine Antworten. Aus der vermeintlich angepassten BAG-Risikoliste und den paar wenigen Dialysepatienten wird jedoch kurzerhand abgeleitet, COVID-19 bedeute für Hochrisikopatienten kein Todesurteil. Diese Feststellung ist mindestens grob verharmlosend, wie man schon alleine an den weltweiten Todeszahlen ablesen kann. Im Weiteren lassen sich derzeit auch noch keine verlässlichen Aussagen über Langzeitauswirkungen und Folgeschäden einer Erkrankung an COVID-19 machen. 

Es gäbe in der Natur immer wieder neue oder mutierte Viren (was zutreffend ist), ist weiter zu lesen,und das menschliche Immunsystem sei darauf vorbereitet, weshalb eine Panikmache unbegründet sei (was in dieser Pauschalisierung falsch ist). Es wird ausgeblendet, dass das menschliche Immunsystem auf gewisse Viren (u.a. Tollwut, Ebola, Rota, Pocken, HIV) keine genügende bzw. gar keine Antwort findet oder nur dann, wenn entweder eine Impfung die Infektion verhindert resp. wirksame Therapien die Erkrankung zu behandeln vermögen. Bei SARS-CoV-2 ist beides derzeit nicht gegeben: Weder steht ein Impfstoff zur Verfügung noch gibt es konstant verlässliche Therapien insbesondere für schwere Krankheitsverläufe.

An verschiedenen Stellen wird gesagt, SARS-CoV-2 sei kein «Killervirus». Dies wirft zunächst die Frage auf, wann nach Ansicht der Autorin ein Virus das Präfix «Killer» verdient hat. Diese Frage bleibt unbeantwortet, obschon die Antwort auf der Hand liegt: Immer dann, wenn eine unkontrollierte Ausbreitung die Gefahr einer Überlastung des Gesundheitswesens birgt. Doch selbst wenn ein Virus «nur» eine durchschnittliche Infektionssterblichkeit (IFR) von 0.14% aufweist, wird dieses Virus weltweit zu mehr als 7 Millionen Opfern führen bis eine 70%-Herdenimmunität erreicht ist, sofern weder Impfstoff noch Therapie verfügbar sind und keine Massnahmen getroffen werden. Für die Opfer handelt es sich also sehr wohl und in jedem Fall um ein Killervirus, wenn sie daran sterben.

Ausserdem heisst es in dem Brief tatsachenwidrig, die WHO hätte die IFR von COVID-19 mit 0.14% bestätigt und bekannt gegeben, SARS-CoV-2 sei nicht gefährlicher als die saisonale Grippe. Beide Feststellungen sind erwiesenermassen falsch: Erstens hat nicht die WHO die IFR mit diesem Wert angegeben, sondern diese Angabe wird auf eine einzelne der vielen auf der Website der WHO veröffentlichten Studien zurückgeführt. Im Brief wird verschwiegen, dass diese Studie vehementer Kritik ausgesetzt ist und dass die Studie eine Median-IFR von 0.27% (resp. korrigierten 0.23%) ausweist. Zweitens hat die WHO zu keinem Zeitpunkt verlautbaren lassen, SARS-CoV-2 sei nicht gefährlicher als die saisonale Grippe. Was auch verständlich ist, denn gemäss aktuellem wissenschaftlichen Konsens ist eine Ansteckung mit SARS-CoV-2 mit einem mindestens fünf- bis zehnmal höheren Todesrisiko verbunden als eine Influenzainfektion. 

Richtig ist der Hinweis, es würden nicht ausreichend Daten gesammelt, beispielsweise zum Anteil der Infizierten, die Symptome ausbilden oder zu den verschiedenen Ausprägungen vonKrankheitsverläufen. Obschon die Autorin aber feststellt, dass gar nicht genügend Daten vorhanden sind, um die Gefährlichkeit des Virus zu beurteilen, scheut sie nicht davor zurück, das Virus als ungefährlich (es ist ja kein «Killervirus) zu taxieren.

Im Brief wird versucht, einen Zusammenhang zwischen den Schutzmassnahmen und der Entwicklung der Infektionszahlen herzustellen und daraus eine Unwirksamkeit der von ihr kritisierten Schutzmassnahmen abzuleiten. Dieser Schluss ist jedoch unzulässig, da es nach wie vor (bedauerlicherweise) keine Evidenz gibt, welche Schutzmassnahmen wie wirksam sind. Ohne diese Evidenz könnte genauso gut behauptet werden, es seien gerade die Schutzmassnahmen, welche eine noch ungünstigere Entwicklung der Infektionszahlen verhindert hätten. Wobei diese Behauptung bei nüchterner Betrachtung eine wesentlich höhere Zutreffenswahrscheinlichkeit hat, weil darüber ein wissenschaftlicher Konsens besteht, beispielsweise punkto Schutzwirkung von Masken in Innenräumen. Zudem zeigt sich in den meisten Ländern eine hohe Korrelation zwischen einschneidenden Massnahmen und den Verläufen der Infektionszahlen.

Gleichsam ohne jeden Beleg wird behauptet, die Schutzmassnahmen seien für wirtschaftliche, psychische und medizinische Kollateralschäden ursächlich, welche den Nutzen der Massnahmen weit überstiegen. Auch dazu liegen derzeit (leider) keine Studien vor. Wiewohl unbestritten ist, dass eine Pandemie nebst direkten Folgen (Erkrankungen und Todesfälle) auch indirekte Konsequenzen für Gesundheit, Wirtschaft und Gesellschaft hat: Diese Konsequenzen sind in erster Linie der Pandemie geschuldet, nicht den Schutzmassnahmen. Jeder vernünftige, lebensbejahende Mensch wird nämlich angesichts eines grassierenden Virus sein Verhalten hinsichtlich Mobilität, Kontaktpflege und Freizeitgestaltung je nach Höhe des Infektionsrisikos anpassen.

Die Schreibende scheitert denn auch gleich an mehreren Stellen am Präventionsparadox: Sie zieht die Wirksamkeit der verhängten Schutzmassnahmen bis auf wenige Ausnahmen quasi pauschal in Zweifel und erklärt beinahe im gleichen Atemzug, die Auslastung der Spitäler und Intensivstationen bewege sich in einem normalen Bereich, die Übersterblichkeit sei gar keine, alle ursprünglichen Befürchtungen hinsichtlich der von SARS-CoV-2 ausgehenden Gefahr hätten sich nicht bewahrheitet. Sie berücksichtigt aber nicht, dass eben gerade die Schutzmassnahmen mit hoher Wahrscheinlichkeit einen wesentlichen Beitrag geleistet haben und noch immer leisten, damit Schlimmeres verhindert werden konnte und kann. Frei nach dem Motto «ich habe mich geimpft und bin nicht krank geworden, ergo hätte ich mir die Impfung sparen können».

In gar düstere Niederungen einer aus meiner Sicht nur schwer erträglichen Unmoral begibt sich die Verfasserin mit ihren Vergleichen zu Todeszahlen und -ursachen: Sie pickt sich eine Kalenderwoche heraus um festzustellen, dass «nur» 3.5% aller Todesopfer auf COVID-19 zurückzuführen waren und sich diese Opfer in einem Alter über der statistischen Lebenserwartung befanden. Es kümmert sie allem Anschein nach wenig, dass die bald 3’000 Opfer in der Schweiz bzw. die annähernd 1,3 Millionen Opfer weltweit aufgrund der Erkrankung an COVID-19 früher gestorben sind als es ohne diese Erkrankung der Fall gewesen wäre. Ihrer Aufmerksamkeit scheinen auch die in «The Economist» publizierten Daten entgangen zu sein, wonach es in nahezu allen Ländern massive, auf die Pandemie zurückzuführende Übersterblichkeiten gibt, deren Ursachen nicht mal vollständig SARS-CoV-2 zugeschrieben wurden. 

Die zwischen den Zeilen zum Ausdruck gebrachte Haltung «tja, Menschen sterben halt, Alte sowieso» ist einer Ärztin meines Erachtens unwürdig, ebenso die explizit gemachte Äusserung «Krankheit und Tod gehörten immer schon zum Leben». Die zur Veranschaulichung gezogenen Vergleiche von COVID-19 mit Bergsteigen (keine 100 Todesfälle pro Jahr) und Strassenverkehr (keine 200 Todesfälle pro Jahr) sind schon alleine zahlenmässig und inhaltlich (Krankheit und Unfälle = Äpfel und Birnen) völlig absurd. Die Absurdität wird durch den Umstand auf die Spitze getrieben, dass unsere Gesellschaft tatsächlich und zu Recht massive Investitionen in die Prävention solcher Unfälle tätigt. Mit derselben Konsequenz investiert die Gesellschaft nun auch in Schutzmassnahmen zur Eindämmung einer neuen, noch immer nicht abschliessend verstandenen Infektionskrankheit. Die logische Schlussfolgerung solch sinnentleerter Vergleiche wird hingegen nicht gezogen: Wenn Krankheit und Tod zum Leben gehören, weshalb machen wir dann überhaupt etwas dagegen, wozu leisten wir uns ein teures Gesundheitswesen? 

Die Verlinkung der «Great Barrington Declaration» ist ein zünftiger Schlag ins Gesicht jedes Menschen, der sich noch an den Grundsätzen von Logik und Vernunft zu orientieren pflegt. Lassen wir mal beiseite, dass diese Deklaration von einem Think Tank am politisch rechtesten Rand initiiert worden ist, der u.a. auch den Klimawandel leugnet und mit diesem Papier insbesondere die Politik von Donald Trump unterfüttern wollte. Eine Durchseuchung wie sie diese paar Professoren entgegen einer überwältigenden Mehrheit der Wissenschaft vorschlagen, ist in westlichen Gesellschaften offenkundig in keiner Art und Weise praktikabel. Wenig verwunderlich also, dass noch kein Verfechter dieser Strategie bislang aufzeigen konnte, wie sie konkret realisiert werden sollte. Insbesondere nicht, wie man in der Schweiz 20 bis 30% der Bevölkerung – so gross ist in etwa die Risikogruppe – wirksam isolieren soll. Im Schreiben heisst es, «Betagte und Kranke sollen sich schützen», aber wie genau Betagte und Kranke dies anstellen sollen, ohne sich komplett von der Gesellschaft zu isolieren, bleibt ihr Geheimnis. Ein unanständiges Geheimnis notabene, denn die Freiheiten («Gemeinschaft, Singen, Kultur, Musik, Tanz, Mannschaftssport»), die sie den nicht Vulnerablen uneingeschränkt zugestehen will, versagt sie gleichzeitig den Risikogruppen.

Einig gehe ich mit der Feststellung, dass von der Pandemie die Ärmsten der Welt direkt und indirekt am härtesten betroffen sind. Die Lösung für dieses Übel besteht aber nicht darin, dass die erste Welt ihre Schutzmassnahmen aufhebt und damit ihre eigenen Bevölkerungen einem Virus aussetzen, denn dadurch ist den Ärmsten nicht geholfen. Ihnen ist geholfen, wenn sich die Welt endlich zusammenrauft und die wahren Ursachen dieser schreienden Ungerechtigkeit bekämpft (Ungleichverteilung von Einkommen und Vermögen, mangelnde Demokratisierung, Klimawandel usw.).

Einig gehe ich mit der Autorin auch in ihrer grundsätzlichen Betrachtung von Demokratie, dem Recht auf freie Meinungsäusserung und der Notwendigkeit von Kritik und Dialog. Ich bin aber ganz entschieden der Auffassung, dass erstens Fakten immer Vorrang haben müssen vor Meinungen und Behauptungen, und dass zweitens die wichtigste Spielregel eines echten Dialogs, nachgerade die Conditio sine qua non, in der unbedingten Verpflichtung aller Teilnehmenden zur Wahrheit besteht.

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