COVID-19

Spital lässt Menschen bewusst sterben

Was ich soeben gelesen habe lüpft mir den Hut nun vollends: Laut 20 Minuten hat das Kantonsspital Wallis in Sion einen ersten Patienten abgewiesen. Einen über 80-jährigen mit starken Corona-Symptomen. Bienvenido Sanchez, stellvertretender Leiter der Abteilung Intensivmedizin, erklärte offenbar gegenüber der NZZ am Sonntag, er halte in der aktuellen Situation die letzten Betten lieber für Fälle frei, in denen mehr Hoffnung bestehe. Gemäss dem Artikel hätte das Spital Sion noch Platz für vier weitere Intensivbetten – nur fehlt ihnen offenbar das Personal.

Deswegen lässt man Menschen bewusst sterben? Ist das der Hypokratische Eid, den man geleistet hat? Darin steht nämlich:

Meine Verordnungen werde ich treffen zu Nutz und Frommen der Kranken, nach bestem Vermögen und Urteil; ich werde sie bewahren vor Schaden und willkürlichem Unrecht.

Ausschnitt aus dem Eid des Hippokrates

Gehen wir mal auf das „willkürliche Unrecht“ ein. Betrachtet man nämlich das vierte Prinzip des ethischen Handelns in der Medizin, welches sich mit der Gerechtigkeit befasst, steht da:

„Insbesondere in Zeiten knapper Ressourcen ist es eine schwierige Aufgabe, diese gerecht zu verteilen. Es gilt der Grundsatz: Gleiche Fälle müssen gleich behandelt werden. Das bedeutet, zwei Patienten mit der selben Krankheit müssen gleich behandelt werden, also die gleichen Untersuchungen und ebenso die gleiche Therapie erhalten, soweit diese notwendig sind.

Quelle: Ethica rationalis

oder:

Ungleichbehandlungen sind nicht gerechtfertigt basierend auf der Nationalität, dem Geschlecht, dem Alter, dem Wohnort, der Religion, der sozialen Stellung oder dem bisherigen Verhalten in der Gesellschaft. 

Quelle: Wikipedia, Medizinethik

Darf das Spital in Sion nun einen Patienten abweisen, der über 80-jährig ist und deswegen die niedrigeren Überlebenschancen hat, als ein jüngerer Patient? Die Antwort lautet ja, in einer Katastrophensituation. Wie eine Katastrophe auszulegen ist wiederum ist unklar.

Ich für mein Verständnis mag aber noch nicht von Katastrophe sprechen, solange man schweizweit noch über 300 Intensivbetten frei hat. Das war die Aussage des koordinierten Sanitätsdienstes am vergangenen Freitag gegenüber der NZZ am Sonntag. Die aktuellen Zahlen zur Bettenbelegung Schweizweit gibt es übrigens hier.

Meines Erachtens bräuchte es jetzt tatsächlich einen koordinierten Sanitätsdienst. Jetzt wäre der Moment da, wo man isch interkantonal unter die Arme greifen sollte, wo jene Kantone, die noch grössere Kapazitäten haben, den Kantonen mit weniger Kapazität unterstützen müssten. Solange das grundsätzlich noch möglich ist (bei einer Reserve von zurzeit über 30% der IS Betten), kann noch nicht wirklich von einer Katastrophe die Rede sein.

Und würden wir tatsächlich von einer Katastrophe reden wollen, dann frage ich mich schon, wo ist jetzt die Armee? Wo sind unsere Spitalbataillone? Gemäss dem Walliser-Boten hat der Kanton die Armee bereits um Unterstützung gebeten – allerdings vor allem für den Bereich der Testungen und organisatorischer Aufgaben. Offenbar braucht aber vor allem das Spital im Bereich der Pflege Unterstützung. Denn, seien wir ehrlich, wenn wir die Berichte über die Bettenknappheit richtig lesen, dann ist in den meisten Fällen das Personal das Problem – wie auch in Sion:

Es gäbe eigentlich Raum für vier zusätzliche Betten. Doch Sanchez kann diese Betten nicht in Betrieb nehmen, weil ihm das Personal fehlt.

Quelle: NZZ am Sonntag

Und wer ist jetzt daran Schuld? So traurig es klingt: Wir selber. Jahrelang sparen, sparen, sparen im Gesundheitssektor. Und was haben wir jetzt davon?

Bereits 2012 titelte „Medicus Mundi“: „Die Zitrone ist ausgepresst“. Scheint also kein neues Problem zu sein. 2004 schrieb die NZZ: „Sparen heisst auch beim Personal sparen“ – auch hier ging es unter Anderem um das Pflegepersonal. Weiter liest man auf swissinfo.ch, dass das Pflegepersonal schon 2001 auf die Strasse gegangen ist, genau gleich wie an diesem Wochenende in Bern: Gemäss Swissinfo ging das Pflegepersonal auf die Strasse, um unter Anderem für eine Lohnerhöhung und eine Corona-Prämie in der Höhe eines Monatslohns zu demonstrieren.

Ob dann Lohnerhöhunen und Coronaprämien ausreichen? Müsste nicht viel eher die Arbeitslast verteilt werden und ergo mehr Personal eingestellt werden, so wie Yvonne Ribi, Geschäftsführerin des Schweizerischen Berufsverbandes der Pflegefachfrauen und -fachmänner (SBK) gegenüber Watson erklärte.

Für mich jedenfalls ist klar, das mit dem Personalmangel haben wir selber verschuldet. Dennoch rechtfertigt es nicht, dass ein Spital seine Patienten bewusst sterben lässt – wie im Kriegsfall oder bei der Spanischen Grippe. Hier könnte man in beiden Fällen von einer Katastrophe sprechen aber bei einer Grippeähnlichen Erkrankung, von der bis anhin (Stand 30.10.2020) lediglich rund 1,8 % der gesamten schweizerischen Bevölkerung überhaupt je positiv ist getestet worden (von Symptomen, effektiven Erkrankungen oder sogar Todesfällen ist noch keine Rede), glaube ich nicht, dass wir, bei nota bene einer freien IS-Bettenkapazität von rund 30% gesamtschweizerisch, von einer Katastrophe sprechen können.

Die Mediziner werden überhört

Im selben Artikel der NZZ kommt übrigens auch der Berufsverband der Schweizerischen Ärztinnen und Ärzte (FMH) zu Wort. Gemäss NZZ hat die FMH in einer Mail an ihre Mitglieder davon abgeraten, die Corona-Schnelltests in ihren Arztpraxen einzusetzen. Gemäss FMH-Präsident Jürg Schlup sei man zwar nicht grundsätzlich gegen diese Antigen-Schnelltes, doch sie seien zu unsicher und es könnten negative Testresultate auftreten, obwohl die getestete Person unter Umständen positiv ist.

Es geht hier nicht darum, Angst zu schüren oder möglichst viele positive Testresultate zu erhalten. Die Befürchtung des Mediziners Schlup, Betroffene gegebenenfalls in falscher Sicherheit zu wiegen, ist nachvollziehbar. Wenig nachvollziehbar ist allerdings die Reaktion des BAG: In Bundeskreisen sorgt das Vorgehen der FMH (die immerhin gut 40’000 Mitglieder zählt) für Unverständnis. Man verunsichere damit die Bevölkerung. Das BAG sagt dazu schlicht: „Die Tests sind geeignet“ und führt gleichzeitig weiter aus: „Sie ermöglichen es, die ansteckenden Personen in grosser Zahl zu identifizieren, damit sie sich in Isolation begeben können.“ Aha – da klingeln bei mir persönlich die Alarmglocken. Geht es dem BAG wirklich noch um die Gesundheit der Bevölkerung oder vielmehr um politisch motivierte Erziehungsmassnahmen?

Meine Gedanken zur letzten Frage werden übrigens in einem nächsten Blog behandelt – dranbleiben.

Quelle Titelbild: zvg Hôpital du Valais

You Might Also Like

2 Comments

Comments are closed.