COVID-19

Verloren und ohne klare Linie

Liebe Leserinnen und Leser, sprechen wir heute mal über die Kommunikation des Bundesrates. Ich persönlich fand es schon spannend, WIE der Bundesrat heute aufgetreten ist. Ganz alleine, lediglich begleitet von Bundesratssprecher André Simonazzi trat der Gesundheitsminister vor die Medien. Paul Watzlawick hat mal gesagt, „man kann nicht nicht kommunizieren“. Hinsichtlich dieses Ausspruchs wage ich eine Interpretation: Schwindet die Einigkeit im Bundesrat? Sonst treten sie ja mindestens zu zweit auf, was nicht zuletzt auch Einigkeit symbolisieren soll. Bundesrat Alain Berset wirkte heute etwas verloren vor den wenigen Medienvertretern. Auch seine Gestik und Mimik wirkten viel weniger selbstbewusst als noch zu Beginn der Corona-Krise. Das Titelbild zeigt deutlich, wie verloren der Innenminister auf seinem Stuhl sitzt und das nachfolgende Video unterstreicht seine non-verbale Unsicherheit.

Man achte sich auf die Augen von BR Berset – irgendwo muss doch Hilfe herkommen… – und wer sich die ganze Pressekonferenz anschaut sieht, dass es durchaus nicht das einzige Mal war. (Quelle: SRF)

Begonnen hat die heutige Medienkonferenz ja mit der Aussage, dass Frankreich den Schwellenwert von 60 Fällen pro 100’000 Einwohner überschritten habe. Dennoch nehme man Frankreich jetzt noch nicht auf die Risikoliste des BAG auf. Hierfür brauche es noch Zeit. Es gebe noch einige Absprachen, die mit den Kantonen getätigt werden müssten, weil es gerade in den Grenzkantonen auch viele Grenzgänger gebe. Das Ganze müsse „verhältnismässig“ sein. Ja bitte, wofür hat man dann den Schwellenwert, wenn man sich schlussendlich doch nicht daranhält? Entweder man zieht es durch oder lässt es sein. Aber es sind wieder so schwammige, nicht nachvollziehbare Aussagen und der Verdacht kommt auf, dass es sich dabei nur um einen politischen Entscheid handelt.

Berset betonte aber sofort, dass die besagte Liste des BAG natürlich laufend aktualisiert werde, so werde man etwa Belgien demnächst von der Liste entfernen. Aha.

Ob der Grund die pandemische Entwicklung in Belgien ist oder ein rein politischer Entscheid, in der Hoffnung, dass auch Belgien die Schweiz wieder von der Risikoliste streicht, bleibt offen.

Verzeiht mir den krassen Vergleich, aber irgendwie klingt das für mich nach kaltem Krieg.

Berset sprach aber auch von den Grossanlässen mit über 1000 Besuchern, die ja ab dem 01.10.2020 wieder erlaubt werden sollen – naja, wie man es nimmt. Schliesslich braucht jeder Veranstalter ein besonderes Schutzkonzept und der Kanton muss den Anlass dann noch bewilligen. So gesehen ist es nicht eine Erlaubnis solche Veranstaltungen durchzuführen, sondern einfach eine neue Einschränkung. Aber mal abgesehen davon, freuen wir uns doch auf die Veranstaltungen. Nur, so ein zwei Fragen bleiben dann doch offen:

Berset spricht von einer Sitzpflicht bei Indoorveranstaltungen – ergo, es werden, z. B. im Zürcher Hallenstadion nicht mehr gleich viele Leute Platz finden wie vorher. Ich komme jetzt wieder mit dem Sunrise Avenue – Nachholkonzert von diesem Jahr. Ich bringe dies darum immer wieder, weil ich selber betroffen bin, als Ticketinhaberin. Wenn jetzt weniger Leute ins Hallenstadion passen, wie genau wird ausgesucht, wer jetzt rein darf von den Ticketbesitzern und wer nicht? Und wenn die Sitzplätze nicht nummeriert sind, wie stellt sich das Bundesrat Berset vor? Mehrere tausend „giggerige“ Girls diskutieren friedlich mit 1,5 Meter Abstand zueinander, ob jetzt die Blonde den Sitz näher an der Bühne bei Samu Haber bekommt oder die Brünette – die Rothaarige freut sich dann und schnappt sich den Sitz während die anderen beiden streiten. Ich stelle mir dieses Bild lustig vor. Aber der Türsteher, der mir dann, obwohl ich im Besitz eines Tickets bin, erklärt, dass ich aus Gründen von Corona nun doch keinen Zutritt habe, der möchte ich nicht sein. Wobei – sein Wortschatz an Fluchwörtern würde sich bestimmt massiv erweitern – quasi exponentiell steigen.

Immerhin dürfen wir offenbar noch ein Sektlein köpfen, denn das Alkoholverbot kommt nicht – auch nicht bei den Sportveranstaltungen. Hier darf man sein Bierchen oder auch sein alkoholfreies Getränk allerdings nur sitzend konsumieren. Achso, und nebenbei gilt Maskenpflicht – auch im Fussballstadion. Und wie genau konsumiere ich jetzt am Platz sitzend und Maske tragend mein Bierchen – ganz einfach: zum Trinken darf ich die Maske dann abnehmen – ja dann trinke ich viel Bier, damit ich viel die Maske nicht aufhaben muss…. Dann wiederum haben wir in unseren Stadien ganz andere Probleme. Von diesen will aber niemand hören – vielleicht passiert’s ja dann nicht.

Die Maskenpflicht in den Stadien gilt übrigens trotz der Sitzplatzbegrenzung: Lediglich 2/3 der Plätze dürfen besetzt sein – immerhin mehr als befürchtet. Man sprach ja eine Zeit lang von der Hälfte der zur Verfügung stehenden Plätze. Aber: Keine Reisen an Auswärtsspiele, weil Fans der Gastmannschaft kein Platzkontingent mehr erhalten. Und damit sich auch alle brav daranhalten, wird ein Regelverstoss geahndet – wahrscheinlich etwa gleich konsequent wie beim Abbrennen von Pyros in den Fankurven.

Ausnahmen von der Sitzplatzpflicht kann es für Freiluftveranstaltungen geben. Hierbei sei aber wichtig, dass die Personenströme klar geleitet würden und an allen Anlässen eine Maskenpflicht gilt, sagt Berset weiter.
Okay…. wir sprechen von Freiluftanlässen, draussen. Wenn die Abstände von 1,5 Metern eingehalten werden können, brauchen wir warum genau die Maskenpflicht trotzdem?

Berechtigte Frage einer Journalistin war übrigens, warum kommerzielle Anlässe wie Messen von diesen Bestimmungen ausgenommen sind. Bundesrat Berset ist der Meinung, dass „bei einer Messe, die eine Woche dauert zum Beispiel, ist es viel einfacher, die Besucherströme zu steuern“. Aha. Vielleicht finde ich noch irgendjemanden, der mir das näher ausführen kann.

Sowohl Berset als auch Stefan Kuster vom BAG betonten während der ganzen Medienkonferenz immer wieder, wie wichtig es ist, dass die Kantone die Hoheit haben und die Kantone ihre Beurteilungen vornehmen und in der jeweiligen Situation reagieren können müssen.

Hier gibt es die ganze Pressekonferenz zu sehen.

Die Gesundheitsdirektorenkonferenz schiebt den Schwarzen Peter inzwischen wieder dem BAG zu. Die Bewilligungskriterien seien eine Herausforderung. Die Schutzkonzepte der Dachverbände von Sport und Kultur sollte durch das BAG begutachtet werden, „so wäre eine einheitlichere Umsetzung durch die Veranstalter und eine bessere Kontrolle durch die kantonalen Behörden gewährleistet“, zitiert SRF aus einer Mitteilung der Gesundheitsdirektorenkonferenz.

Und hier werfe ich zum Schluss die Frage auf, ob es vielleicht der Frust der Kantone ist, im Wissen, dass sich der Bund sowieso wieder einmischen wird? Nachdem Jura, Genf und die Waadt sich in Eigenregie dazu entschlossen haben, die Maskenpflicht in Einkaufsläden einzuführen, wurde es um diese Maskenpflicht relativ ruhig – die anderen Kantone warteten zu.

Bis am 18.08.2020 Bundespräsidentin Sommaruga die Kantone zur Krisensitzung lud. Was dabei wirklich diskutiert wurde, weiss niemand so genau. Tatsache ist aber, dass nur einen Tag später der Kanton Neuenburg die Maskenpflicht in Einkaufsläden ausrief, am 20.08.2020 folgte der Kanton BS, am 26.08.2020 der Kanton Fribourg und schliesslich am 28.08.2020 gab der Kanton Solothurn bekannt, die Maskenpflicht in Läden einzuführen. Ein Schelm der Böses denkt.

Sympathisch am Kanton Solothurn, als einziger der bisherigen Kantone, die alle eine Mindestdauer für ihre Maskenpflicht beschlossen, schreibt der Regierungsrat SO in seiner Verfügung unter Punkt 3: Die vorerwähnte Massnahme tritt am 3. September 2020 0800 in Kraft und gilt bis längstens am 31. Oktober 2020.

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